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Munch und Knausgård : Wir sehen uns

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Ich kenne niemanden, der präziser beschreibt, welche Brüche das Digitale einführt zwischen dem, was sich sagen, und dem, was sich zeigen lässt, und wie der herrschende Zuschreibungsfuror mit seinen aggressiven Identitätsbehauptungen über diese Brüche hinweggeht, als Heinrich Dunst es mit Worten und Installationen tut. Er ist es gewohnt, dass alle schon wissen, was sie sehen, bevor sie es sehen, und jetzt sah er den meist beachteten Schriftsteller der Gegenwart in einer hochbeachteten Zeitung den hochnervösen Munch in einen Maler verwandeln, der anstrengungslos unsere Projektionen eines einfachen Lebens ins Bild setzt.

Edvard Munch: „Alter Mann mit nackter Frau auf dem Schoß“, 1913-15
Edvard Munch: „Alter Mann mit nackter Frau auf dem Schoß“, 1913-15 : Bild: Munch Museet Oslo

Auch die „Welt am Sonntag“ wusste schon, dass Knausgårds Ausstellung „uns zeigt“, „wie Munch wirklich war“, noch bevor sie in Düsseldorf überhaupt die Bilder ausgepackt hatten. Am Mittwochnachmittag waren die Aufbauhelfer noch damit beschäftigt, die letzten Holzkisten zu öffnen, immer bewacht von zwei Restauratoren des Munch-Museums. Der „Maler an der Hausfassade“ stand, wie die meisten der 140 Gemälde, Skizzen und Studien, aufgebockt auf Styroporklötzen, und so konnte ich sehen, dass ich nicht sah, was Knausgård sah. Ich sah die Schneelandschaft in Thüringen, vor der Knausgård die Tränen kamen, aber nicht den sparsamen Farbauftrag, den Knausgård beschreibt. Ich erfreute mich am in vielen Schichten aufgetragenen Himmel, dem in die Talsenke hinabstotternden, trocken aufgetupften Braun und dem rosafarbenen Feldweg, der sich die gegenüberliegende Böschung hinaufschlängelte. Ich sah Bilder, die offenbar nicht fertig waren. Vor allem aber sah ich die Aufladung des knorrigen, seine Subjektivität gegen die Konventionen stellenden Munch durch den knorrigen Knausgård.

„Überraschenderweise verbindet Munch und Knausgård ein zu allen Zeiten relevantes Phänomen“, las ich im Katalog. „Denn unsere Gesellschaft scheint wie vor mehr als hundert Jahren von einer existenziellen Sinnkrise erfaßt zu sein, in der das Individuum nach Orientierung sucht. Ein möglicher Ausweg scheint – folgt man Edvard Munch wie auch Karl Ove Knausgård – im Rückzug ins Private zu liegen.“ Das sind erstaunliche Worte für ein öffentliches Haus. Läge eine Möglichkeit der Orientierung nicht auch, statt in der Wende nach innen, in der auf das, was man sieht?

Ich glaube nicht, dass das Entscheidende an Munchs Kunst ist, dass sie ist wie wir. Ich glaube, das Entscheidende an Munchs Kunst ist, dass sie ganz anders ist als wir, wie wir auch alle anders sind, und jedes Detail in jedem Bild von Munch anders ist als die anderen, so wie auch jedes Detail in Knausgårds Romanen anders ist als alle anderen und für sich selbst steht, autonom, befreit von der Last der Bedeutung und Funktion im Aufbau erzählerischer Spannung. Seine essayistischen Ausschweifungen sind dagegen austauschbar, wie ihre Gegenstände. Man könnte sich auch vorstellen, wie Knausgård ein Buch darüber schreibt, wie er eine Nikolai-Astrup-Ausstellung kuratiert, und bestimmt hätte ein deutsches Museum auch diese Ausstellung übernommen, zur Frankfurter Buchmesse, Gastland Norwegen.

Karl Ove Knausgård: „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder“. Luchterhand, 288 Seiten, 24 Euro; „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“, K20, Düsseldorf, 10. Oktober 2019 bis 1. März 2020.

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