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Karl Otmar von Aretin zum 90. : Ein Missverständnis mit dem Grafen Stauffenberg

Glücklich, wer Geschichte als Familiengeschichte schreiben kann: Karl Otmar Freiherr von Aretin 2002 in München Bild: Jan Roeder

Mehr als das alte Reich: Diesem Historiker sind die Zusammenhänge anschaulich und nicht nur durch Aktenstudium gegenwärtig. Zum 90. Geburtstag Karl Otmar von Aretins.

          Als der zwanzigjährige Marinesoldat Karl Otmar von Aretin im Sommer 1943 auf Urlaub in München war, gab ihm sein Vater den Rat, einen Lazarettbesuch bei einem Offizier zu machen, der das linke Auge, die rechte Hand und zwei Finger verloren hatte: Claus Graf Schenk von Stauffenberg, dessen Frau in der Aretinschen Familienvilla in Nymphenburg untergekommen war. Die Begegnung stand unter keinem guten Stern. Der Oberst im Generalstab wollte wissen, warum sein Besucher Zivil trage. Dieser bemerkte 64 Jahre später in einem Interview mit der Wochenzeitung „Junge Freiheit“: „Das war wohl eben sein von mir damals nicht recht verstandenes Soldatenethos.“ Seinem Vater sagte er, Stauffenberg sei offenbar ein überzeugter Nazi. Der Vater klärte den Sohn darüber auf, dass er sich getäuscht hatte, teilte ihm aber nichts über die Staatsstreichpläne mit, in die er eingeweiht worden war.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Erwein Freiherr von Aretin war von 1926 an der innenpolitische Leitartikler der „Münchner Neuesten Nachrichten“ gewesen. Als Berater des Thronprätendenten Rupprecht war er 1932 an Überlegungen beteiligt, die Machtübernahme Hitlers durch die Restauration der bayerischen Monarchie abzuwenden. Am 9. März 1933 wurde er verhaftet, später auf das Gut seiner Schwester in Württemberg verbannt. Mit Berufsverbot belegt, schrieb er eine Familiengeschichte der Grafen Arco, der der Mörder Kurt Eisners entstammte, des Ministerpräsidenten des 1918 ausgerufenen Freistaats. Unter der nach Eisners Ermordung an die Macht gelangten Räteregierung war Erwein von Aretin schon einmal verhaftet worden. Sein dritter Sohn nahm lebhaften Anteil an seinen Forschungen und fasste schon vor dem Abitur den Wunsch, ebenfalls Historiker zu werden.

          Vom Widerstand einzelner Katholiken

          1955, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters, edierte Karl Otmar von Aretin dessen Erinnerungen an die Jahre 1931 bis 1933. Noch im Todesjahr des Vaters hatte er dessen gesammelte Artikel über Therese Neumann, die stigmatisierte Seherin von Konnersreuth, als Buch herausgebracht. 1927 war Erwein von Aretin von seiner Zeitung in das Städtchen in der Oberpfalz geschickt worden, um die Gerüchte über die Passion der Bauersmagd zu überprüfen. Der Artikel, in dem er berichtete, dass es für die Blutungen keine natürliche Erklärung zu geben scheine, hatte politische Folgen. Der Chefredakteur Fritz Gerlich fürchtete, sein Blatt sei einem Schwindel aufgesessen, fuhr selbst nach Konnersreuth - und kehrte als Bekehrter zurück. Als entschiedenster publizistischer Gegner Hitlers wurde er 1934 erschossen.

          Karl Otmar von Aretin trat auch mit journalistischen Arbeiten in die Fußstapfen seines Vaters, mit Artikeln in der „Süddeutschen Zeitung“, dem Nachfolgeblatt der „Münchner Neuesten Nachrichten“, und Filmen für den Bayerischen Rundfunk. Von 1959 bis 1965 war er Deutschland-Korrespondent der linkskatholischen Wiener Wochenzeitung „Die Furche“. Auf Empfehlung von Eugen Kogon wurde er 1964 auf den Lehrstuhl für Zeitgeschichte der TU Darmstadt berufen. Wenn er die Ansicht vertrat, es habe keinen Widerstand der katholischen Kirche gegeben, sondern nur den Widerstand einzelner Katholiken, stand dahinter die Erinnerung an seinen Vater und dessen Freunde.

          Über einen Vorfahren, den bayerischen Bundestagsgesandten Johann Adam von Aretin, kam er auf sein Dissertationsthema, die bayerische Politik in den ersten Jahren des Deutschen Bundes. Und vom Deutschen Bund war es nur ein Schritt zurück ins „Alte Reich“, dessen gelehrte Wiederbelebung wesentlich das Verdienst Aretins ist, der 1968 zum Direktor des Instituts für europäische Geschichte in Mainz ernannt wurde. Wenn er die föderalistischen und rechtsstaatlichen Alternativen zum preußisch-deutschen Machtstaat erörtert, treibt er Familiengeschichte. Zum hundertsten Jahrestag der Kaiserproklamation von Versailles zitierte er in dieser Zeitung einen bayerischen Widersacher Bismarcks mit den Worten, er denke sich Deutschlands Einheit nicht auf ein Heer, sondern auf die Freiheit gegründet. Dieser Georg Freiherr zu Franckenstein, dem er 2003 eine Biographie widmete, war einer seiner Urgroßväter mütterlicherseits. Der andere war der österreichische Ministerpräsident des Jahres 1866.

          Aretin schreibt Reichsgeschichte als Zeitgeschichte: Joseph II., den Kirchenreformer und Reichszerstörer, der die Reichstreue der Prälaten und Grafen verachtete, beurteilt er so scharf wie sein Vater die Steigbügelhalter Hitlers. Und wenn er ausspricht, dass Stauffenberg nicht nur gegen Hitler kämpfte, sondern auch gegen Casablanca und die bedingungslose Kapitulation, hört man den Reichshistoriker: Den Großmächten gelang die Zerschlagung Deutschlands, die das 1806 preisgegebene Reich als befriedetes System der Vorbehalte und Kautelen hinausgeschoben hatte. Im Soldatenethos Stauffenbergs erkennt Aretin, der 1960 die Tochter Henning von Tresckows heiratete, das tragische Schicksal des Adels, der die Treue, die er dem Kaiser versprochen hatte, auf den Staat übertrug. Karl Otmar Freiherr von Aretin wird am Dienstag neunzig Jahre alt.

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