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Karl Heinz Bohrer : Wider die Einspießerung des Intellektuellen

Sollte sich die Mentalitätengeschichte je mit den siebziger Jahren und dem, was auf sie folgte, beschäftigen, wird sie um Bohrers Beiträge über die Westdeutschen als neue Phönizier, eine fettprangende Händlernation, deren Ultima ratio die ökonomische ist, so wenig herumkommen wie um die Diagnose des wohligen Provinzialismus der Kohl, Blüm, Lafontaine, der am liebsten sowieso alles in einem Europa oder einer Menschheit aufgehen lasse, von denen die Provinzlermeinung annehme, man werde dort erwartet. Wenig hat Bohrer in den achtziger Jahren mehr aufgebracht als die Formel, von Deutschland werde „nur Frieden ausgehen“.

Kritik der „Stadtschreiber“-Kultur

Literaturhistorisch gewendet, führen diese Motive zu Bohrers Einspruch dagegen, Kafkas „Strafkolonie“ als Text gegen Gewalt zu deuten und mittels der Stücke Becketts die Vereinsamung des modernen Menschen zu beklagen. Zeithistorisch lief seine Diagnose verschwindender Geschichtstiefe im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen auf dieselbe Kritik hinaus: an Akademikern, für die Geschichte wie Kunst nur ein Vorrat an Motiven ist, sich über die Tatsache zu trösten, dass man im zwanzigsten Jahrhundert leben muss, während man es sich darin zugleich recht gut gehen lässt. Wenn Karl Heinz Bohrer an etwas verzweifeln könnte, dann wäre es die Feigheit, die aus Phantasielosigkeit kommt.

Kein Wunder, dass es Bohrer stets nach England zog – angesichts der deutschen Unfähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstdarstellung, einer politischen Formlosigkeit, die sich beispielsweise vorstellen konnte, weiter von Bonn aus regiert zu werden, einer Konfliktscheu, die über Streiks und Ungleichheit und Radikalismen und Außenhandelsbilanzdefizite sofort außer sich gerät und darum ständig erpressbar ist. In seinem Essay über und für den Falklandkrieg, 1982 in dieser Zeitung erschienen, deren Korrespondent für Großbritannien er war, nachdem er von 1968 an ihre Literaturredaktion geleitet hatte, finden sich all diese Motive wieder. Seine englischen Ansichten „Ein bisschen Lust am Untergang“ von 1979 waren dazu das glänzende, positive Präludium.

Dem gegenüber stand für ihn die Kultur der „Stadtschreiber“ und des betulichen Erzählens, die Manie, für alles einen „Beauftragten“ zu etablieren, die Pädagogisierung aller Probleme, standen Fußgängerzone und Lichterkette, das Gekeckere der Mainzelmännchen, die er zur unfreiwilligen Allegorie der Deutschen steigerte, und die Pointenlosigkeit der hiesigen Reklame, deren beabsichtigter Reflex das „Schmunzeln“ ist. All das ging ihm auf die ästhetischen wie staatsbürgerlichen Nerven. Gegen die Legende vom Aufbruch nach 1968 setzte er die These, die bundesdeutschen fünfziger Jahre hätten Momente experimenteller Erwartung enthalten, die sich aber nicht erfüllte.

Eine Kunst ohne Geschichte

Was er damit meinte? Es steht in seinem jüngsten, seinem wunderbarsten Buch, „Granatsplitter“, der Erzählung der Jugend eines deutschen Tom Sawyer am Ende des Zweiten Weltkriegs: die Offenheit einer Situation, in der alles in Trümmern lag und alles erstmals anzueignen, Intellektualität zu entdecken war. Dem Buben schreibt er den Wunsch zu, „in einer Zeit zu leben, die etwas Mythisches hatte“, was nichts mit Illusionen über den gerade durchstandenen Mythos zu tun hatte, sondern mit dem Gefühl, Avantgarde sei nicht nur ein Verfahren, sondern der Versuch, die Geschichte an der Gegenwart zu messen.

Genau hier liegt das künstlerische Interesse, das Bohrer an allem nimmt: an Kunst, die im strikten Sinne keine Geschichte hat, weil in ihr nichts schon dadurch inaktuell wird, dass es länger zurückliegt. „Mich interessieren keine allgemeinen Örter“, hat Bohrer einmal geschrieben, er sei nicht bereit, irgendetwas außerhalb seiner „Gegenwart“ zu denken. Foucault hätte in dieser Formulierung und in Karl Heinz Bohrer einen Intellektuellen treffen können.

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