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Zum Tod von Marie Marcks : Emanzipation als Lebensform

Marie Marcks in ihrer Wohnung in Heidelberg Bild: Wolfgang Eilmes

Sie war die berühmteste deutsche Karikaturistin und eine Vorkämpferin der Frauenbewegung. Am Sonntag ist Marie Marcks im Alter von 92 Jahren in Heidelberg gestorben.

          Beim fünfundachtzigsten Geburtstag des Frankfurter Cartoonisten Hans Traxler, den dieser im vergangenen Mai im Kreis zahlreicher Kollegen mit einer Schifffahrt auf dem Main feierte, durfte nur ein Gast für sich in Anspruch nehmen, noch länger zeichnerisch aktiv zu sein als der Jubilar: die am 29. August 1922 geborene Marie Marcks, die Doyenne der deutschen Karikatur.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie war aus Heidelberg angereist, wohin die gebürtige Berlinerin nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen war. Durch die dort stationierten amerikanischen Truppen kam die aus einer Künstlerfamilie stammende junge Frau – ihr Onkel war der Bildhauer Gerhard Marcks – in enge Berührung mit jener ästhetischen Moderne, die vom Nationalsozialismus verdrängt oder gar nicht erst zugelassen worden war. In einer Werkschau, die das Caricatura-Museum für Komische Kunst vor zwei Jahren zu ihrem neunzigsten Geburtstag ausrichtete, konnte man Graphiken und Plakate sehen, die Marie Marcks in den vierziger und fünfziger Jahren angefertigt hatte: für Studentenfeiern, Jazz- und Filmclubs oder Veranstaltungen der amerikanischen Armee. Die Einflüsse von Picasso und den Surrealisten sind da sichtbar. Noch 1958 war sie als Gestalterin des deutschen Auftritts auf der Brüsseler Weltausstellung tätig. Wenn sie solche Beschäftigungen beibehalten hätte, dürfte sie heute als eine der leider wenigen namhaften deutschen Künstlerinnen jener Epoche gelten.

          Eine Karikatur von Marie Marcks

          Doch fünf Kinder ließen das nicht zu, zumal Marie Marcks sie allein aufzog und sich angesichts ihrer Erfahrungen zur rigiden Vorkämpferin der Frauenemanzipation entwickelte. Dabei entwickelte sie scharfen Witz in Wort und Bild, der ihr eine neue Option bescherte, als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren: Ihre Komische Kunst hat ihren Ursprung im Jahr 1963, als die damals Einundvierzigjährige ihre Karriere als Karikaturistin begann.

          Damals hatte sie Claus Koch, den Herausgeber der politischen Monatsschrift „atomzeitalter“, kennengelernt, deren publizistischer Schwerpunkt die kritische Begleitung deutscher Wissenschaftspolitik war, insbesondere bei der friedlichen Nutzung von Atomenergie. Marie Marcks arbeitete von 1963 bis 1966 als feste Karikaturistin für Kochs Zeitschrift und hat damals Zeichnungen angefertigt, die in der aktuellen Diskussion um den deutschen Ausstieg aus der Atomenergie von bestürzender Aktualität sind. Anfangs sah man ihren Arbeiten noch das Vorbild der französischen Zeichner Bosc und Chaval an, deren Cartoon-Stil europaweit für Karikaturisten der späten fünfziger Jahre prägend war.

          Doch wie auch ihr Kollege Chlodwig Poth wurde Marcks dann durch das französische Satiremagazin „Hara-Kiri“ und das Werk Jean-Marc Reisers beeinflusst. Daraus entwickelte sie ihren eigenen Strich. Mit Publikationsforen wie der „Süddeutschen Zeitung“, dem „Stern“, der „Zeit“, dem „Vorwärts“, dem „Spiegel“ sowie den beiden wichtigsten bundesdeutschen Satirezeitschriften, „Pardon“ und „Titanic“, erreichte ihr Werk immense Breitenwirkung. Die Beschäftigung mit fehlender Gleichberechtigung und Emanzipationsproblemen stellte dabei einen zentralen Aspekt ihres Werks dar. Angesichts des Entstehungszeitraums von fünf Jahrzehnten sind ihre Zeichnungen eine Chronik der entsprechenden gesellschaftlichen Veränderungen.

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