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Algerien : Mit Zeichenstiften kämpfen

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Der Er- oder Gewählte: Auf Nimes Karikatur prüft ein General, ob Staatspräsident Tebboune gut zum Militär passt. Bild: Nime

Karikaturisten sind die Stimme der Protestbewegung in Algerien. Sie verbreiten sich vor allem über soziale Medien und erreichen damit mehr Menschen als die Intellektuellen des Landes.

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          Die massenhaften Freitagsdemonstrationen in Algerien haben die 44. Woche erreicht. Sie richten sich gegen ein Regime, das auch nach dem Rückzug des kranken Dauerpräsidenten Abdelaziz Bouteflika partout nicht abtreten will. Die Wahl des vierundsiebzigjährigen Ex-Premiers Abdelmadjid Tebboune zum Nachfolger verlieh dem ancien régime in Algier keinerlei Legitimität, schon am nächsten Tag gingen die Proteste weiter. Viele befürchten nun, die Armee, die in dem nordafrikanischen Land die Fäden stets in der Hand hielt, könnte die Geduld verlieren und über vereinzelte Repressionen und Verhaftungen hinaus den friedlichen Protest brutal ersticken. Wie dünnhäutig die Machthaber sind, belegt die Verurteilung des beliebten Karikaturisten Abdelhamid Amine (Kürzel „Nime“) zu einem Jahr Gefängnis. Das Corpus Delicti: eine an die Aschenputtel-Geschichte erinnernde Karikatur, die Tebboune als Marionette der Generäle darstellt, die ihm ein Paar gläserne Schuhe überstreifen.

          Nime ist nicht der einzige Zeichner, der den „Hirak“ unterstützt, wie der seit Februar 2019 währende Aufstand genannt wird. Und Cartoons sind schon länger ein wichtiges Medium der Opposition. Das erste Comicmagazin, „M’quidech“, erschien 1968, inspiriert von Pionieren der subversiven Zeichenkunst um Sid Ali Melouah und Slim. Jüngere wie Ali Dilem, „Le Hic“ und „L’Andalou“ kamen in den achtziger Jahren dazu, als ein Hauch von politischem Frühling durch das Land wehte und Zeitungen kritische Cartoons brachten. In den Neunzigern mussten sich dann alle wegducken unter dem blutigen Showdown zwischen islamistischem Terror und Armee, der ganz auf Kosten der demokratischen Zivilgesellschaft ging; viele Zeichner gingen ins Exil nach Frankreich. Zurück in Algerien, wurden sie oft mit Klagen überzogen, was sie erst recht zu Idolen machte.

          Sarkastischer Witz und schwarzer Humor

          Die damals inkriminierten Karikaturen teilten schonungslos in alle Richtungen von politischer Korruption und religiöser Bigotterie aus; ihre humorvolle Radikalität und drastischen Charakterköpfe erinnerten an Cabu, Luz, Wolinski und andere Autoren von „Charlie Hebdo“, auch an den älteren Jean-Marc Reiser. Neue Talente kamen hinzu, wie der zweiunddreißigjährige Karim Bouguemra, ein gelernter Zahnarzt. Der Zeichenstift als Waffe, der ein Gekritzelfeuer entfleucht, ist das Markenzeichen von „L’Andalou“, der weitere Stifte im Köcher hat.

          Cartoons verbreiten sich vor allem über soziale Medien, da sich Printmedien in Algerien oft wieder in präventiver Selbstzensur üben. So erreichen die Zeichner mehr Menschen als die Intellektuellen in Algerien, die vor allem im Ausland als Stimmen der Opposition wahrgenommen werden, obwohl sie den demokratischen Grundton und die stupende Nachhaltigkeit des Straßenprotests zuerst unterschätzt hatten. In Deutschland bekannt sind durch ihre Romane vor allem Kamel Daoud, Boualem Sansal und Yasmina Khadra, die nun als Experten zur algerischen Misere befragt werden. Sansal und Daoud witterten in den Straßenprotesten den Endsieg der Islamisten, haben sich aber eines Besseren belehrt; Khadra gibt die Diva und äußert sich nicht.

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