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Preis der deutschen Zeitungen : So muss Karikatur sein

Die Gewinner-Karikatur von Klaus Stuttmann Bild: BDZV

Mit Spannung ist die Verleihung des Karikaturenpreises der deutschen Zeitungen erwartet worden. Jetzt stehen die drei Gewinner fest, und der Hauptpreis hat mit Klaus Stuttmann den Richtigen getroffen.

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          „Wir können die Verteidigung dieses wunderbaren, demokratiestiftenden Rechts auf Meinungs- und Pressefreiheit nicht delegieren“, hat Dietmar Wolff, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger anlässlich der Verleihung des diesjährigen Karikaturenpreises seiner Organisation in Berlin erklärt. Ein besserer Anlass für diese Selbstvergewisserung ist schlecht vorstellbar: Keine drei Wochen nach der versuchten Auslöschung der gesamten Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“, die allein fünf Karikaturisten das Leben kostete, wird einer der wichtigsten deutschen Preise auf diesem Feld vergeben, noch dazu von der Presse selbst. Dieses Ereignis musste Aufmerksamkeit erregen, auch wenn die Preisträger schon vor den Pariser Morden bestimmt waren.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass der erste Preis Klaus Stuttmann zugesprochen worden ist, beweist die List der Vernunft. Es ist gerade nach dem 7. Januar 2015 eine in vielfacher Hinsicht gute Entscheidung. Gut deshalb, weil der fünfundsechzigjährige Stuttmann bereits seit Jahrzehnten als Karikaturist tätig ist und immer noch zu den frischsten und frechsten Vertretern seiner Zunft gehört. Gut auch, weil damit ein bekanntermaßen mutiger Karikaturist geehrt wird, der vor gesellschaftlich brisanten Themen auch dann nicht zurückschreckt, wenn heftiger Gegenwind zu erwarten ist. Wie schön war doch eine schon zu Beginn der Dresdner Pegida-Proteste erschienene Zeichnung, auf der man einen Demonstrationszug mit Transparenten wie „Pegida“, „Hogida“, „Düdida“ oder „Aefde“ sieht, was ein Passant mit der Frage kommentiert: „Das soll Deutsch sein?“ Stuttmann ist aber auch kein Eiferer; als man ihn nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ nach seinem Empfinden fragte, antwortete er: „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber eigentlich ist mir eher nach Schweigen.“ Natürlich hielt er sich nicht daran; seine Zeichnungen, die zum Beispiel im Berliner „Tagesspiegel“ oder der „Leipziger Volkszeitung“ erscheinen, sind weiterhin so beredt wie zuvor. Allerdings kündigte er auch an, dass er in Zukunft bei religionskritischen Karikaturen noch ein paar Augen mehr zur Kontrolle heranziehen werde. Was zugleich aber deutlich machte, dass er auf dieses Thema nicht verzichten wird.

          Platz zwei für Martin Erl
          Platz zwei für Martin Erl : Bild: BDZV

          Ausgezeichnet worden ist Stuttmann jedoch für eine spezielle Karikatur. Sie zeigt Wladimir Putin und Gerhard Schröder in sektlauniger Umarmung, und der ehemalige Bundeskanzler sagt zum russischen Präsidenten: „Obama hat ihn schon, die EU hat ihn schon – ich finde, jetzt bist du mal dran mit dem Friedensnobelpreis.“ Der Witz bei Klaus Stuttmanns Arbeiten besteht häufig darin, dass die oberflächliche Pointe eine tiefere Kritik verbirgt, hier ist es die an voreiligen Verleihungen dieser international wichtigsten politischen Auszeichnung, wie sie immer wieder vorkommen. Stuttmann legt seinem Gerhard Schröder eine Äußerung in den Mund, die ein vernichtendes Urteil über den Friedensnobelpreis fällt.

          Auf dem dritten Platz: Thomas Plaßmann
          Auf dem dritten Platz: Thomas Plaßmann : Bild: BDZV

          An dem Wettbewerb um den Karikaturenpreis der deutschen Zeitungen nahmen diesmal sechzig Zeichner teil. Neben Stuttmann wurden noch zwei weitere Auszeichnungen verliehen. Der  zweite Platz ging an Martin Erl, der unter anderen für die „Saarbrücker“ und die „Braunschweiger Zeitung“ zeichnet ,für seine Szene eines Billardstoßes, bei dem eine mit A gekennzeichnete Kugel zwei andere mit F und D rammt, so dass eine vierte mit dem Buchstaben P vorangetrieben wird. Das ist denkbar einfach gezeichnet, aber subtil gedacht und ohne Spott gegenüber AfD oder Pegida - Karikatur als gezeichnete Analyse. Der dritte Preis ist an Thomas Plaßmann („Frankfurter Rundschau“) vergeben worden. Die prämierte Karikatur zeigt einen verstörten Fahrgast in der U-Bahn, dessen Nachbarn Zeitungen mit zwei unterschiedlichen Schlagzeilen lesen: „Rentenreform kostet 60 Milliarden“ und „Deutsche für Sterbehilfe“. So hat der Wettbewerb Karikaturen zu drei heißen Themen prämiert: zur Ukraine-Krise, zu Pegida und zur Sterbehilfe. Das Massaker von Paris lag diesmal noch jenseits der Ausschreibungsfrist.

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