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Mohammed-Karikaturen : Für Satire dieser Art ist in Amerika kein Platz

Sicherheitshalber haben sie ihre Zeichentische nach Mekka ausgerichtet: Karikatur von Greser & Lenz aus der F.A.Z. vom 9. Januar Bild: Greser & Lenz

Die provokante Satire von „Charlie Hebdo“ ist den amerikanischen Medien fremd. Die Mohammed-Karikaturen kritisieren sie als „vulgär“. Schämt man sich für den Mut der französischen Kollegen?

          Von der „New York Times“ werden an Wochentagen 640.000 gedruckte Exemplare abgesetzt und am Sonntag 125.0000. Die verkaufte Auflage der Wochenzeitschrift „Charlie Hebdo“ lag zuletzt bei 30.000 Stück. Ein Korrespondentenbericht der „New York Times“ über den Terroranschlag in Paris charakterisierte am Donnerstag die Bemühungen von „Charlie Hebdo“, alles, was Muslimen heilig ist, zu verletzen, als „rücksichtslos, vulgär und teilweise kommerziell motiviert“. Irgendwelche Informationen über das angebliche kommerzielle Kalkül bot der Artikel nicht. Es könnte ohnehin nicht aufgegangen sein: Ein weiterer Bericht der „New York Times“ erwähnte, dass das am Tag des Massenmords veröffentlichte Heft von „Charlie Hebdo“ einen Spendenaufruf enthielt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Stéphane Charbonnier, der ermordete Chefredakteur, konnte sein Geschäftsmodell einfach erklären. Gerade in der „Krise der Presse“ wollte man weder einen reichen Gönner suchen noch um Anzeigenkunden werben. Um der „totalen Unabhängigkeit“ willen musste sich das Blatt durch den Verkauf finanzieren. Mit drastischer Religionskritik bediente „Charlie Hebdo“ die Nachfrage einer bestimmten Klientel. Doch ist ein solcher kommerzieller Antrieb hinter dem Ehrgeiz, sich immer wieder neue Bosheiten zu Kalifen, Rabbinern und Päpsten einfallen zu lassen, wirklich, um das Motto der „New York Times“ anzuführen, eine Tatsache, die zu drucken sich lohnt? Ist die Überlegung etwa auch informativ, dass die beflissene Demonstration der Normalität von Familiengründungen durch homosexuelle Paare, die in allen Ressorts der „New York Times“ bis hin zum Immobilienteil zum Programm gehört, die Wünsche eines besonders finanzkräftigen Teils ihrer Leserschaft spiegelt?

          Das mag auf den Kontext ankommen. Nach dem Blutbad in einer Redaktion den Schluss nahezulegen, die ermordeten Kollegen hätten eine allzu riskante Geschäftspolitik verfolgt, ist eine Gedankenlosigkeit. Sie ist kennzeichnend für die Verlegenheit, in der sich die liberalen Leitmedien nach dem Pariser Fanal des islamischen Terrorismus befinden: Sie müssen ihrem Publikum erklären, was es mit „Charlie Hebdo“ auf sich hat, dem Organ einer satirischen Militanz, für die es in der amerikanischen Medienlandschaft kein Pendant gibt.

          Die amerikanische Presse schreckt vor dem Druck religionskritischer Karikaturen zurück

          Die Erbeverwalter des aufklärerischen Anspruchs, die großen Blätter und die Fernsehanstalten, erschweren sich diese Erklärungsarbeit, indem sie im Unterschied zu beliebten Internetmedien davon absehen, die Titelbilder mit dem Gast-Chefredakteur Mohammed zu zeigen. Sie versagen den Arbeiten der Toten, die sie als vulgär und krude beschreiben, die Chance, für sich selbst zu sprechen. Die Probe auf den Evidenzeffekt der Satire unterbleibt.

          Wenn amerikanische Chefredakteure von der Pressefreiheit reden, geht es nie ohne Eigenlob ab. Dass „Washington Post“ und „New York Times“ im Vietnamkrieg Geheimpapiere aus dem Pentagon druckten, gilt als Ruhmesblatt, das nicht verwelken kann. Aber nachdem jetzt Karikaturisten und Redakteure, ein Korrektor und zwei Polizeibeamte für die Freiheit der Presse gestorben sind, erwecken die Weltblattmacher den Eindruck, dass ihnen das Presseerzeugnis, an dem die Mörder Anstoß nahmen, peinlich ist. Von den Nachrichtenseiten werden die Pariser Karikaturen verbannt, mögen auch Leitartikler verkünden, der barbarische Angriff gelte allen Journalisten und Lesern.

          In einem Blatt wie der „New York Times“ standen einem Abdruck freilich unabhängig von aller politischen Brisanz die Hausregeln entgegen. Für das Motivreservoir der Illustrationen in „Charlie Hebdo“ gilt, was der Romanist Max Grosse in dieser Zeitung zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Marquis de Sade über dessen Werke schrieb: Die Milch der frommen Denkungsart ist die einzige Körperflüssigkeit, die dort nicht in Strömen fließt. In der „New York Times“ wird eines der meistbenutzten vierbuchstabigen Wörter der englischen Sprache nicht gedruckt. Das Tabu über der Sexual- und Fäkalsphäre hatte unlängst während der diplomatischen Krise um „The Interview“ die kuriose Konsequenz, dass die Zeitung sich für die Freigabe eines Films einsetzte, dessen Handlung ihr Filmkritiker in wesentlichen Punkten nur in tantenhafter Umschreibung schildern konnte.

          Sieg des Puritanismus?

          Die obszöne Satire, die (fiktive) schmutzige Wäsche wäscht, um Autoritätsfiguren hinwegzuspülen, ist ein Genre aus dem Frankreich vor der Französischen Revolution. Funktionen und Wirkungen dieser Schmutzliteratur hat ein amerikanischer Historiker dargestellt: Robert Darnton, der Direktor der Bibliotheken der Harvard-Universität. Wenn „Charlie Hebdo“ jetzt in der amerikanischen Presse dieser Tradition zugeordnet wird, erscheinen Cabu, Wolinski und Charb als Blüten, die nur im französischen Sumpf sprießen konnten. Bei der Erwähnung von Marie Antoinette mag der Zeitungsleser an Valérie Trierweiler denken: Ein Staat der sexuellen Skandale hat die Satire, die er verdient. Vom politischen Sinn der Geschmacklosigkeit im demokratischen Meinungskampf muss nicht die Rede sein.

          Marty Baron, Chefredakteur der „Washington Post“, begründet die Entscheidung, die islamkritischen Titelbilder nicht abzubilden, mit der „Praxis“ seines Blattes, „keine Inhalte zu publizieren, die religiöse Gruppen ostentativ, absichtlich oder unnötig kränken“. Im gleichen Sinne lässt die „New York Times“ verlauten, wo die Absicht vorliege, „religiöse Empfindlichkeiten zu verletzen“, sei „normalerweise“ ein Abdruck ausgeschlossen. Es ist also nicht die aktuelle Gefahrenlage, die Furcht vor Nachahmungstätern, die die liberalen Leitblätter zur Vorsicht mahnt. Man nimmt keine Ausnahme in Anspruch, sondern verschafft der Normalität Geltung: Für Satire im Stil von „Charlie Hebdo“ ist in „Post“ und „Times“ grundsätzlich kein Platz. Setzt sich hier ein Unterschied der Nationalcharaktere durch, der Gegensatz von Puritanismus und Libertinismus?

          Dagegen spricht ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten aus dem Jahr 1988. Die Richter hatten über ein satirisches Machwerk in der Art der Prophetenkarikaturen von „Charlie Hebdo“ zu entscheiden. Der evangelische Prediger Jerry Falwell, Stifter der reaktionären Gemeinde mit dem Namen der „Moralischen Mehrheit“, hatte die pornographische Zeitschrift „Hustler“ verklagt. In einer Parodie auf eine Campari-Anzeige mit der Überschrift „Mein erstes Mal“ wurde Falwell die Schilderung eines Inzests mit seiner Mutter in den Mund gelegt. Wie das Gericht feststellte, lag eine Verleumdung nicht vor, weil kein Leser die phantastische Erfindung für wahr halten konnte. Die Satire diente dem Zweck, das von Falwell verkörperte Christentum als Perversion im übertragenen und umfassenden Sinne zu denunzieren. Einstimmig verweigerten die acht am Verfahren beteiligten Richter den verletzten Gefühlen Falwells den Schutz des Rechts – im Interesse eines denkbar robusten Verständnisses von Meinungsfreiheit. Gerade die anstößige Meinung, führte der konservative Gerichtsvorsitzende William Rehnquist aus, benötigt und verdient den Schutz der Verfassung. Die Kränkung („offense“), die „New York Times“ und „Washington Post“ in Religionsdingen um jeden Preis vermeiden wollen, ist demnach nicht bloß hinzunehmen, sondern fördert die Scheidung der Geister.

          „Charlie Hebdo“ kämpfte für die Sache des Staates

          Rehnquist, ein belesener Mann, machte sich das Vergnügen, in die Urteilsgründe eine kleine Geschichte der politischen Satire in den Vereinigten Staaten einzuflechten und die Karikatur als Prototypen der „absichtlich verletzenden Rede“ zu beschreiben. Seine Beispiele für Karikaturen, die ihre Wirkung taten, weil sie systematisch die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, entnahm er dabei dem neunzehnten Jahrhundert. Unter den professionellen Kommentatoren der Politik hat es in Amerika eine Zivilisierung der kommunikativen Sitten gegeben. Am ehesten findet man auf der rechten Seite des politischen Spektrums einzelne Virtuosen der Dauerproduktion herabsetzender Pointen. Der Kanadier Mark Steyn, der frühere Filmkritiker des Londoner „Spectator“, teilt mit den Redakteuren von „Charlie Hebdo“ die islamkritische Obsession. Er warf den liberalen amerikanischen Medien vor, sie hätten die Pariser Altlinken im Stich gelassen und sozusagen den Mördern ausgeliefert.

          Es gab in den Vereinigten Staaten früher Zeitschriften wie „Charlie Hebdo“. Die frühen sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Blütezeit einer liberalen Satire, die im Kampf gegen kirchliche Sittenlehren und bürgerliche Doppelmoral den Habitus der Schamlosigkeit kultivierte. Einer der Mitarbeiter von Paul Krassners Zeitschrift „The Realist“ war der Stand-up-Komiker Lenny Bruce, der 1964 in New York in einem Obszönitätsprozess verurteilt wurde und 1966 starb. Der republikanische Gouverneur George Pataki begnadigte ihn 2003 postum. Bruce ist als Heros der zügellosen Rede ins nationale Gedächtnis eingegangen, aber seine wilden Monologe über die Geschlechtsmerkmale von Eleanor Roosevelt und Jackie Kennedy werden als Beiträge zur sexuellen Befreiung einsortiert, nicht als politische Akte.

          Jason Stanley, ein Professor für politische Philosophie, darf sich in der „New York Times“ als Darnton des gegenwärtigen Moments versuchen. Er kritisiert den Gemeinplatz, wonach „Charlie Hebdo“ den Papst und den Propheten Mohammed in gleicher Weise angegriffen habe. Der eine Angriff richte sich gegen die Religion der Mehrheit der Franzosen, der andere gegen eine unterdrückte Minderheit. Es ist seltsam, dass ein gelehrter Fachmann für Machtmechanismen der liberalen Demokratie den institutionellen Kontext der politischen Stellung von „Charles Hebdo“ ignoriert. Der Katholizismus ist zwar die Religion der nominellen Mehrheit der Bürger, aber zugleich die entthronte Staatsreligion, der historische Feind der Revolution. Im radikalen Einsatz für den Laizismus kämpfen die Außenseiter von „Charlie Hebdo“ für die Sache des Staates. Die Angst vor der klerikalen Gegenrevolution bestimmt ihre Sicht auf den Islam.

          Zahme amerikanische Presse

          In den Vereinigten Staaten gibt es Antikatholizismus, aber keinen Antiklerikalismus, weil die Amerikanische Revolution sich nicht gegen eine Staatskirche richtete. So kann dann der Bund von Thron und Altar auch nicht durch den Bund von Staat und Satire ersetzt werden. Larry Flynt, der Verleger des „Hustler“, ist seit einem Attentat 1978 gelähmt. Wenn christliche Terroristen die Redaktion der Zeitschrift ausgelöscht hätten, wäre Flynts Recht auf Blasphemie von den staatlichen Autoritäten verteidigt worden. Aber es ist undenkbar, dass der Präsident den Tatort aufgesucht hätte.

          Hinter den trotzigen Bekenntnissen der amerikanischen Presse zur schrankenlosen Meinungsfreiheit ist eine Katzenjammerstimmung zu spüren. Von der Regierung Obama fühlt man sich verfolgt, aber alle Proteste konnten nicht verhindern, dass James Risen, ein Reporter der „New York Times“, nun vor Gericht nach seinen Quellen befragt wird. Dass die maßgeblichen Organe sich im Jahrzehnt nach dem 11. September 2001 immer wieder Bitten der Regierung fügten, Berichte über die Folter- und Abhörpraktiken zu unterdrücken, gilt den Verantwortlichen im Rückblick als verheerend. Niemand erwartet, dass die „New York Times“ einem Überlebenden von „Charlie Hebdo“ einen Kolumnenplatz zwischen Paul Krugman und Tom Friedman freiräumt. Aber hätte sie ihre viktorianischen Sprachregelungen nicht suspendieren können, um zu dokumentieren, was in Paris geschehen ist? Dass die wahre Obszönität der mörderische Fanatismus ist, wird so verleugnet.

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