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Mohammed-Karikaturen : Für Satire dieser Art ist in Amerika kein Platz

Es gab in den Vereinigten Staaten früher Zeitschriften wie „Charlie Hebdo“. Die frühen sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Blütezeit einer liberalen Satire, die im Kampf gegen kirchliche Sittenlehren und bürgerliche Doppelmoral den Habitus der Schamlosigkeit kultivierte. Einer der Mitarbeiter von Paul Krassners Zeitschrift „The Realist“ war der Stand-up-Komiker Lenny Bruce, der 1964 in New York in einem Obszönitätsprozess verurteilt wurde und 1966 starb. Der republikanische Gouverneur George Pataki begnadigte ihn 2003 postum. Bruce ist als Heros der zügellosen Rede ins nationale Gedächtnis eingegangen, aber seine wilden Monologe über die Geschlechtsmerkmale von Eleanor Roosevelt und Jackie Kennedy werden als Beiträge zur sexuellen Befreiung einsortiert, nicht als politische Akte.

Jason Stanley, ein Professor für politische Philosophie, darf sich in der „New York Times“ als Darnton des gegenwärtigen Moments versuchen. Er kritisiert den Gemeinplatz, wonach „Charlie Hebdo“ den Papst und den Propheten Mohammed in gleicher Weise angegriffen habe. Der eine Angriff richte sich gegen die Religion der Mehrheit der Franzosen, der andere gegen eine unterdrückte Minderheit. Es ist seltsam, dass ein gelehrter Fachmann für Machtmechanismen der liberalen Demokratie den institutionellen Kontext der politischen Stellung von „Charles Hebdo“ ignoriert. Der Katholizismus ist zwar die Religion der nominellen Mehrheit der Bürger, aber zugleich die entthronte Staatsreligion, der historische Feind der Revolution. Im radikalen Einsatz für den Laizismus kämpfen die Außenseiter von „Charlie Hebdo“ für die Sache des Staates. Die Angst vor der klerikalen Gegenrevolution bestimmt ihre Sicht auf den Islam.

Zahme amerikanische Presse

In den Vereinigten Staaten gibt es Antikatholizismus, aber keinen Antiklerikalismus, weil die Amerikanische Revolution sich nicht gegen eine Staatskirche richtete. So kann dann der Bund von Thron und Altar auch nicht durch den Bund von Staat und Satire ersetzt werden. Larry Flynt, der Verleger des „Hustler“, ist seit einem Attentat 1978 gelähmt. Wenn christliche Terroristen die Redaktion der Zeitschrift ausgelöscht hätten, wäre Flynts Recht auf Blasphemie von den staatlichen Autoritäten verteidigt worden. Aber es ist undenkbar, dass der Präsident den Tatort aufgesucht hätte.

Hinter den trotzigen Bekenntnissen der amerikanischen Presse zur schrankenlosen Meinungsfreiheit ist eine Katzenjammerstimmung zu spüren. Von der Regierung Obama fühlt man sich verfolgt, aber alle Proteste konnten nicht verhindern, dass James Risen, ein Reporter der „New York Times“, nun vor Gericht nach seinen Quellen befragt wird. Dass die maßgeblichen Organe sich im Jahrzehnt nach dem 11. September 2001 immer wieder Bitten der Regierung fügten, Berichte über die Folter- und Abhörpraktiken zu unterdrücken, gilt den Verantwortlichen im Rückblick als verheerend. Niemand erwartet, dass die „New York Times“ einem Überlebenden von „Charlie Hebdo“ einen Kolumnenplatz zwischen Paul Krugman und Tom Friedman freiräumt. Aber hätte sie ihre viktorianischen Sprachregelungen nicht suspendieren können, um zu dokumentieren, was in Paris geschehen ist? Dass die wahre Obszönität der mörderische Fanatismus ist, wird so verleugnet.

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