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Karadzic - ein Opfer? : Dieser Prozess macht nichts wieder gut

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Plädoyer für eine differenzierte Sicht auf Karadzic: der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan Bild: Frank Röth

Der bosnische Muslim Dzevad Karahasan floh 1993 aus dem belagerten Sarajevo, wo er heute wieder lebt. Trotzdem plädiert für einen differenzierten Umgang mit dem Serbenführer Radovan Karadzic. Karadzic sei ein Opfer der Geschichte und nicht das Monster, zu dem er jetzt stilisiert werde.

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          Der bosnische Muslim Devad Karahasan floh 1993 aus dem belagerten Sarajevo, wo er heute wieder lebt. Er plädiert für einen differenzierten Umgang mit der Geschichte - und dem Serbenführer Radovan Karadzic.

          Sie haben Familienmitglieder, Wohnung und Bibliothek in dem Krieg verloren, für den Radovan Karadzic mitverantwortlich ist. Wie haben Sie auf die Nachricht von seiner Festnahme reagiert?

          Ich saß mit meiner Frau Dragana nachts um halb zwölf vor dem Radio, als die Nachricht von der Verhaftung kam. Wir schauten uns an. Ich empfand ein paar Augenblicke lang eine große Erleichterung, fast Freude. Aber nur ein paar Sekunden. Danach fiel mir ein, dass die Toten sehr wohl tot und die Vertriebenen noch immer vertrieben sind, dass heute fast jeder, den ich kenne, Bosnien verlassen will – dass also so etwas wie menschliche Gerechtigkeit kaum wiederhergestellt werden kann. Und da überfiel mich eine große Trauer.

          Warum, glauben Sie, hat man ihn erst jetzt auffliegen lassen?

          Eine sehr wichtige Frage. Vor einigen Tagen hat der ehemalige CIA-Mitarbeiter Steven E. Meyer, jetzt Professor an der National Defense University in Washington, der Zeitung „Nezavisne Novine“ (Unabhängige Zeitung) in Banja Luka ein Interview gegeben. Darin behauptet er, Bosnien sei ein unnatürliches Gebilde. Warum gibt ein Washingtoner Professor einer Lokalzeitung ein Interview mit diesen Thesen? Lassen wir die Tatsache beiseite, dass ein früherer CIA-Offizieller glaubt, der Staat sei eine natürliche Erscheinung, lassen wir beiseite, dass alle Staaten unnatürlich sind, weil sie Ausdruck menschlicher Kultur und Zivilisation sind, und lassen wir auch die Tatsache beiseite, dass Bosnien seit Jahrhunderten existiert – in langen Zeiträumen sogar friedlich –; so vermute ich doch, dass dieser Aufenthalt auf eine Entwicklung hinweisen könnte. Und dass die Verhaftung mit dieser Entwicklung zusammenhängt.

          Das klingt nach Verschwörungstheorie.

          Die Herrschaften, die seit 1993 über uns schalten und walten, wussten in jedem Augenblick darüber Bescheid, wo Karadzic sich aufhält, daran zweifle ich nicht im geringsten. Man hat ihn jetzt verhaftet, um die Öffentlichkeit von einem anderen Ereignis abzulenken, zum Beispiel der endgültigen Privatisierung der Wirtschaft oder der endgültigen Teilung Bosniens. Der Mann behauptete, die Serben wollten auf gar keinen Fall in Bosnien bleiben – woher will er das wissen?

          Spricht jetzt der „Ex-Berufs-Jugoslawe“, wie Peter Handke Sie genannt hat?

          Ich bin ein Ex-Jugoslawe, ich bin sogar ein Jugo-Nostalgiker (lacht), aber kein professioneller. Es ärgert mich, dass Handke sich als Schriftsteller so blind einer Ideologie ausgeliefert hat. Im Übrigen hat er von Ex-Jugoslawien viel mehr profitiert als ich.

          Karadzic hat unter falschem Namen in einer Arztpraxis gearbeitet. Kaum vorstellbar, man hätte sich bei Dr. Dabic in Behandlung begeben.

          Radovan Karadzic war viele Jahre lang Arzt, und kein schlechter, wie viele Bekannte von mir bestätigt haben. Ich kenne ihn ein wenig persönlich. Ich glaube, dass er seinem Charakter nach auch kein übelwollender Mensch war. Er hatte das Unglück, sich in einem Augenblick einer tiefen historischen Umwälzung eine allzu schwere Bürde aufgeladen zu haben. Ich glaube, kaum ein Mensch wäre imstande gewesen, an seiner Stelle in dieser Zeit wesentlich anders zu handeln.

          Das klingt aus dem Mund eines Opfers, das aus Sarajevo fliehen musste, aber sehr versöhnlich.

          Eines ist für mich entscheidend: Es ist sehr wichtig, Karadzic vor Gericht zu stellen. Ich glaube felsenfest an die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Insofern ist es für mich großartig, dass alle diese Verbrechen aufgeschrieben, protokolliert werden. Aber man soll nicht in Begeisterung verfallen und glauben, durch diesen Prozess würde irgendetwas wiedergutgemacht. Man soll aber auch nicht ein Körnchen Güte in diesem oder irgendeinem anderen Menschen leugnen. Vereinfachungen sind immer der falsche Weg.

          Sehen Sie im Lyriker Karadi eine Parallele zu Hitler – der aufstrebende Künstler, der in der Szene nicht landen konnte und dann beschließt, Politiker zu werden?

          Das Bild stimmt eigentlich nicht. Eine Anekdote muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen: Im Dezember 1991 sprach man im bosnischen Parlament über eine Volksabstimmung über die Frage der staatlichen Unabhängigkeit. Nach etlichen Stunden der Debatte bat Karadzic fast verzweifelt darum, auf diese Volksabstimmung zu verzichten. In meinem Ohr klingt heute noch seine weinerliche Stimme, der flehende Ton – wie er darauf hingewiesen hat, dass durch eine solche Abstimmung das bosnische Volk zunichtegemacht werden könnte. Nach seiner Verhaftung ist mir diese Szene jetzt wieder eingefallen. Einer, der einen Völkermord plant, spricht nicht in diesem Ton und sagt nicht so etwas. Über Karadzic ist die Geschichte blindwütig hinweggefahren und hat ihn untergepflügt. Ihn jetzt zu einem Monster zu stilisieren, davon halte ich nichts.

          Hat er selbst, etwas zynisch gefragt, das Potential zu einer literarischen Figur?

          Wenn, dann würde ich ihn als Opfer der Geschichte darstellen. Aber rein gefühlsmäßig wäre ich dazu nicht in der Lage. Die Geschichte ist doch voll von solchen Leuten. Karadciz ist manipuliert worden von Hintermännern, die heute noch ihre Macht ungeniert genießen. Auf die Gerechtigkeit müssen wir trotzdem hoffen, wohlwissend, dass es sie nicht gibt.

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