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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Rapper-Kommentar : Tief im Westen

  • -Aktualisiert am

Kanye West möchte ein Buch schreiben - und das ausschließlich auf seinem Twitter Account. Bild: AP

Statt mit Musik fällt der Rapper Kanye West gerade mit einer Serie von Tweets auf. Die sind vor allem eins: seltsam.

          2 Min.

          Manchmal liegen Genie und Wahnsinn nicht nah beieinander, sondern der Wahnsinn ist das Genie. Das tritt jeden Tag ein bisschen deutlicher zutage bei Kanye West, einem der erfolgreichsten Musiker aller Zeiten, stilbildend für den Hip-Hop seit Mitte der nuller Jahre. Bei seinen ersten beiden Alben hielt man ihn noch für einen ganz klugen Typen; wann genau das aufgehört hat, ist schwer zu sagen. Es hängt allerdings eng damit zusammen, dass seine Texte sich immer mehr mit Kanye West himself befassten und alle anderen, womöglich auch ganz interessanten Themen ausklammerten.

          Das Hip-Hop-Magazin „XXL Mag“ fasste die fünf Elemente von Wests Texten einmal prägnant zusammen: Verletzlichkeit, Humor, Wortspiele, Arroganz und Gesellschaftskritik. (Da die Rede von seinen Wortspielen ist, soll übrigens nicht verschwiegen werden, dass seine älteste Tochter den hübschen Namen North bekam, also North West heißt.) Auch auf Twitter war der Rapper sehr präsent, bis er vor einem Jahr hinschmiss. Seit einer Woche twittert er nun wieder. Oder Paulo Coelho twittert für ihn, das kann man nicht so genau erkennen. „Wenn du aufwachst, geh nicht sofort zum Telefon oder ins Internet, sprich eine Stunde lang nicht mal mit jemandem, wenn das möglich ist. Sei einfach still und genieße deine eigene Phantasie. Sie ist besser als jeder Film.“

          Ich und ich gleich Wir

          Wer denkt da nicht: Sapperlot, davon müsste es ein Buch geben! Mehr davon! Das dachte der Verfasser sich wohl auch. „Ach ja, das hier ist mein Buch, das ich in Echtzeit schreibe“, erklärte Kanye West bald darauf. Er habe dabei keine finanziellen Interessen, was angesichts der Verkaufszahlen von Paulo Coelho vielleicht gar nicht mal so klug ist, sondern nur das innere Bedürfnis, sich auszudrücken. Etwa mit der Farbpalette für seine aktuelle Modekollektion und Gedanken darüber, dass Zeit und Geld beide eine Währung sind. Es ist wirklich alles sehr deep.

          Sein mit Abstand bester Tweet allerdings ist ein anderer, der die Grenzen zwischen Arroganz und Humor verschwimmen lässt. „Ich werde an diesem ,Buch‘ arbeiten, wenn mir danach ist. Wenn Wir morgens still dasitzen, haben Wir so viele Ideen und Gedanken, die Wir kundtun wollen. Als ich diesen Tweet las, mochte ich nicht, dass ich so oft das Wort Ich verwendet hatte, deshalb änderte ich die Ichs zu Wirs.“ Wie souverän er den menschlichen Urkonflikt zwischen Ich und Wir auflöst! Wie er sich die Sprache untertan macht! Wie er die vierte Wand einreißt! Kanye Wests Tweets sind wie ein besonders schön gewachsener Baum: Man weiß, dass dieser Baum einfach nur seiner Natur folgend nach oben ins Licht wollte und dabei vollkommen unabsichtlich diese Form angenommen hat. Trotzdem steht man staunend davor. Und der Baum treibt immer wildere Blüten.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

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