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Kannibalismus : Das wird ein guter Bissen für mich sein

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Kamerad, warum hast Du so große Zähne? Bild: Archiv

Seit den Anfängen unserer europäischen Zivilisation wird Kannibalismus als ungeheure Grenzüberschreitung verurteilt. Jene Grenzgänger, die ihresgleichen verspeisen, werden zu Riesen, Hexen und Exoten deformiert.

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          Seit den Anfängen unserer europäischen Zivilisation wird Kannibalismus als ungeheure Grenzüberschreitung verurteilt. Jene Grenzgänger, die ihresgleichen verspeisen, werden zu Riesen, Hexen und Exoten deformiert - zu gänzlich anderen, zu Fremden schlechthin, die in gehöriger örtlicher oder zeitlicher Entfernung von der gesitteten Gesellschaft ihr Unwesen treiben. Das kulturelle Gedächtnis Europas hat sie in Mythen und Märchen, aber auch in Reiseberichten aufbewahrt. Daß ihr verbotenes und geächtetes Tun (ähnlich dem tabuisierten Inzest) zwar fast jeden von uns schaudern läßt, aber auch auf einige andere einen sinistren Reiz ausübt, ist den Psychologen bekannt und nutzt den Dichtern und Filmemachern, denen bekanntlich alles zuzutrauen ist. Tabus und Tabubrüche können "faszinieren" - im ursprünglichen, auch sexuell konnotierten Sinne von "behexen".

          Mythischer Prototyp des ungesitteten, im ethischen Abseits hausenden Anthropophagen ist Polyphem, der immerhin dreimal zwei Gefährten des Odysseus verschlingt: Zum Abendessen, Frühstück und nochmals zum Abendessen "tischt er die Stücke zum Schmaus auf". Homer hat diesen riesigen Kyklopen im Neunten Gesang der "Odyssee" als einsam auf einer Insel in einer Höhle lebenden Barbaren dargestellt: "grausam und ungerecht und durch keine Gesetze gebändigt". Der menschenfressende Polyphem: ein den Griechen durch und durch fremdes, rohes, "gräßlich gestaltetes Ungeheuer", auch wenn er ein Sohn des Poseidon ist.

          Ab ins ferne Ausland

          In ähnlicher Weise entledigen sich viele antike Historiker und Geographen - Herodot, Strabo oder Plinius d. Ä. zum Beispiel - der anthropophagen Verlockung, indem sie diese ins ferne, unzivilisierte Ausland verlagern: zu den Äthiopiern, Skythen oder Indern. Wenn sich dennoch im Mythos Anthropophagie in heimischen Gefilden ereignet, geschieht dies in grauer Vorzeit, und die Täter - etwa Lykaon oder Tantalos, bisweilen auch der "Fresser" wie Thyestes - werden als Verbrecher bestraft. Zu Polyphem gesellt sich eintausendsiebenhundert Jahre später und zweitausend Kilometer weiter nördlich der menschenfressende Grendel, in einem völlig anderen Kulturkreis angesiedelt und doch dem Kyklopen frappierend ähnlich. Er verschlingt im angelsächsischen Epos "Beowulf" aus dem achten bis neunten Jahrhundert nicht weniger als dreißig Gefährten des Helden. Auch dieser Riese verkörpert den Gesetzlosen, den außerhalb der Zivilisation Stehenden. Er haust weitab in einer Höhle und attackiert die in gesellschaftlicher Ordnung Lebenden, allerdings in christlicher Tönung: Der "Nachfahre Kains" wird von luziferischem Neid auf die Gesitteten zu seinen Untaten angetrieben.

          Die Zivilisation hat die Kannibalen immer schon in die Wildnis verdrängt

          Genauso sind in der deutschsprachigen Folklore Menschenfresser off limits. Eigentlich gibt es sie gar nicht, weil es sie nicht geben darf: Sie begegnen uns nur als Riesen oder Hexen, die zur Erhöhung unser aller Sicherheit, zur Abwehr urtümlicher Neigungen und zur Beschwichtigung unserer Urängste oft in Einöden oder in die Wildnis verbannt sind. So im Märchen von Hänsel und Gretel, die auf die menschenfressende Hexe tief im Wald treffen, "wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren". Die Hexe gehört übrigens - wie schon Grendel und Polyphem, der den "Schmaus" mit "lauterem Milchtrunk" hinunterspült, oder später der Chianti bevorzugende Hannibal Lecter - der Richtung des kulinarischen Kannibalismus an: Wenn ein Kind in ihre Gewalt kam, "machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag". Daher ihre Vorfreude ("das wird ein guter Bissen für mich sein") und ihr Versuch, den armen Hänsel im Stall wie ein Schwein zu mästen: "Wenn er fett ist, dann will ich ihn essen." Daß sie "eine feine Witterung" hat, "wie die Tiere", verstärkt ihre Bestialisierung. Diese tierische Fähigkeit, Menschenfleisch zu riechen, wird übrigens vielen menschenfressenden Riesen zugeschrieben, wie etwa im Märchen vom "Kleinen Däumling".

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