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Tiepolo in Stuttgart : Die verräterischsten Tennisschläger des Rokoko

Göttliche Liebeshändel: Tiepolos Daphne flieht vor Apoll und tritt dabei heftig nach. Bild: bpk _ RMN - Grand Palais _ Hervé

Können Bilder aus dem achtzehnten Jahrhundert modern sein und uns heute noch etwas sagen? Die intelligente Malerei Gian Battista Tiepolos in Stuttgart spricht dafür.

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          Dass Goya ein Prämoderner mit enormem Einfluss auf das zwanzigste Jahrhundert war, wird niemand ernsthaft bezweifeln. Den nur eine Generation älteren Maler Gian Battista Tiepolo aus Venedig hingegen würden die meisten wohl als Hofkünstler spätabsolutistischer Herrscher einordnen. Fakt ist, dass sich Tiepolo seine Freiheit als Maler für den Würzburger Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenclau, für ranghohe Londoner Auftraggeber und den spanischen König in Madrid mindestens so sehr erhielt wie der echte Hofmaler Goya. Im freien Spiel der oft abgründigen Motive steht er diesem in nichts nach, wie jetzt eine Schau zu seinem zweihundertfünfzigsten Geburtstag in Stuttgart zeigt: „Tiepolo. Der beste Maler Venedigs“.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser angesichts venezianischer Malgenies wie Bellini, Tizian, Tintoretto oder Veronese vermessen klingende Superlativ stammt nicht von Tiepolo. Sein Zeitgenosse, der Kunstkritiker und Sammler Graf Francesco Algarotti, rühmte seinen Landsmann solcherart vor Friedrich dem Großen. Und er lobte ausdrücklich dessen „Intelligenz der Kompositionen“.

          Bruch mit sakrosankter Tradition

          Dem wird sich jeder anschließen, der die Bilder in der Staatsgalerie sieht. Sie bilden durch kluge antizyklische Ankäufe im neunzehnten Jahrhundert vor allem von Zeichnungen und in den rokokofernen Siebzigern – Tiepologemälde für einen mittleren fünfstelligen Betrag! – einen in Deutschland unvergleichlichen Grundstock, wenn man vom unverändert größten Deckenfresko der Welt in der Würzburger Residenz absieht. Indem Tiepolo stets mit anscheinend sakrosankten Bildtraditionen bricht, immer etwas Neues erfindet oder oft sogar in Heiligenbildern Karikaturelemente einbindet und selbst in diesen intelligenten Neukompositionen die Formen ambivalent hält, so dass man bei ihm nie weiß, zu wem etwa ein Arm oder abgewinkeltes Bein gehört, bereitet er das fragmentierte Körperbild der Moderne vor. Sein Unglück im Sinne des Nachruhms war, dass er in und für eine sterbende Epoche arbeitete.

          Gian Battista Tiepolo, Raub der Europa, um 1720/23

          Eine Europakarte in der Ausstellung zeigt die multinationale Ausbreitung dieser intelligenten Bilder. Lange vor Pizza und Pasta in den Fünfzigern gelangte so italienische Kultur unverfälscht über die Alpen in den kalten Norden und bis nach Großbritannien und Spanien in den Westen. Auch Maler können Exportschlager sein, mit dem gewichtigen Unterschied freilich, dass sich Tiepolo, Canaletto und Co. selbst exportierten, weil etwa der Würzburger Fürstbischof mit dem höchsten Gehalt an den laut Napoleon „schönsten Pfaffenhof Europas“ lockte. Auch das ausbedungene tägliche Deputat an Frankenwein für sich und seine mitmalenden Söhne war mehr als üppig.

          Dabei hat der Venezianer Tiepolo, der das Amt eines „Hofmalers“ aus seiner vordemokratischen Stadtrepublik ohnehin nicht kannte, diese Abhängigkeiten stets ironisch hinterfragt, wie sich insbesondere in dem Würzburger Residenzfresko mit seinen 677 Quadratmetern Fläche zeigt. Es erhebt Fürstbischof Greiffenclau über die vier damals bekannten Kontinente auf den Seiten nur scheinbar in den Himmel. Denn dessen in den azurnen Himmel gemaltes Porträtmedaillon ist erst auf halbem Weg zu den - wohlgemerkt römischen - Göttern angekommen. Direkt zu seinen Füßen ist der Zwist zwischen den Höflingen und Künstlern spürbar, dem finster dreinblickenden Stuckateur Antonio Bossi etwa und dem wie ein Gott auf einem Kanonenrohr lagernden Ballistiker, Ingenieur und Meisterarchitekten Balthasar Neumann.

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