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Adaptionen des Marxismus : Kann man Marx’ Theorien restaurieren?

Eventuell sind die Ideen von gestern modifiziert auch für morgen gut? Restaurator Stefan Nagelmann entstaubt in Berlin ein DDR-Staatswappen. Bild: Picture-Alliance

Scherben bringen Glück. Aber ist eine revolutionäre Lehre nach einer langen Reihe abgebrochener, verpasster und gescheiterter Revolutionen überhaupt noch rekonstruierbar?

          5 Min.

          In einem unvergessen hässlichen Moment auf dem Kongress „Was tun?“, zu dem die Zeitschrift „Konkret“ 1993 geladen hatte, um der altwestdeutschen radikalen Linken nach dem Zusammenbruch der DDR Gelegenheit zur Heerschau (nun ja: Fähnleininspektion) zu geben, stauchte Karl Held, einer der Tonangeber der „Marxistischen Gruppe“, von der in unseren Tagen nurmehr die Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ übrig geblieben ist, in harter Mundart den Publizisten Wolfgang Pohrt zusammen, jener solle, statt Essays zu „dichten“, gefälligst „des Argument lernen, des mit der Kritik am Kapital gemeint is“. Der Überfallene war und ist nicht irgendein liberaler Glossenschreiber, sondern manövrierte schon in seinem frühen Hauptwerk „Theorie des Gebrauchswerts“ (1976) bewundernswert beweglich zwischen logischen und historischen Gesichtspunkten der Marxschen Kapitalanalyse, meisterte also eine enge Stelle der Theorie, an der sich andere Marx-Exegeten von Nikolai Bucharin bis Terry Eagleton das Hirn eingeklemmt haben.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht der auslegenden Philologie freilich, sondern der Arbeiterklasse hat Marx die Aufgabe hinterlassen, Konsequenzen aus seiner Lehre zu ziehen, wobei es, wie er im „Bürgerkrieg in Frankreich“ schreibt, nicht darum geht, „Ideale zu verwirklichen“, sondern darum, „die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden kapitalistischen Gesellschaft entwickelt haben“. Diese kapitalistische Gesellschaft müssen Revolutionäre deshalb, der allfälligen Umsturzgelegenheiten wegen, genauer kennen als die Zusammenhänge zwischen den von Marx geprägten oder umgedeuteten Begriffen der politischen Ökonomie. Eine quellengerechte Marx-Deutung ist daher immer auch Zeitpublizistik, weshalb Pohrt nach der Veröffentlichung seiner Gebrauchswerttheorie vor allem als Kommentator aktuellen Geschehens in Erscheinung trat, der sowohl der alten Bundesrepublik Deutschland wie dem größeren, aber weniger gemütlichen Gebilde gleichen Namens, das durch Einverleibung der DDR-Überreste entstand, immer wieder Meinungen mitteilte, die ihren Mächtigen nicht lieb sein konnten.

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