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Künftige Kriminelle erkennen? : Verbrechervisage

Abbildungen aus Cesare Lombrosos „L'uomo delinquente“ Bild: Costa/Leemage/Picture-Alliance

Die Universität in Harrisburg verkündet eine KI-Entwicklung, die einen künftigen Verbrecher mittels Gesichtserkennung bestimmt. Garantiert vorurteilsfrei. Die Idee hat eine unrühmliche Geschichte.

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          Fliehende Stirn, zusammengewachsene Augenbrauen, schielender Blick: So sieht ein Verbrecher aus, da war sich Cesare Lombroso sicher. Vor bald hundertfünfzig Jahren veröffentlichte der italienische Arzt sein 1887 ins Deutsche übersetztes Werk „Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung“.

          Darin findet sich nicht nur die Behauptung, man könne einen Kriminellen an äußerlichen Merkmalen erkennen, sondern auch das folgenschwere Urteil, die niederen Anlagen, die physiognomisch zutage träten, könnten nicht überdeckt werden, so gut sich der Betroffene auch verhalte. Lombroso empfahl ein System der Früherkennung: Schon Kinder könnten auf die entsprechenden Merkmale hin untersucht, künftige Verbrecher gleich erkannt und Verbrechen verhindert werden. Die Nationalsozialisten griffen Lombrosos Lehre begeistert auf. Und auch nach ihrer Terrorherrschaft war sie nicht passé.

          Unlängst hat sie durch die Versprechen der Künstlichen Intelligenz neuen Schwung bekommen, den auch ein Coup der American Civil Liberties Union nicht bremsen konnte. In Kalifornien stand im Spätsommer 2019 die Entscheidung an, die Aufnahmen der Kameras an Polizeiuniformen von einer Gesichtserkennungssoftware auswerten zu lassen, um Kriminelle zu identifizieren. Dass die Entwicklung aus dem Hause Amazon im Abgleich der Porträts von hundertzwanzig kalifornischen Abgeordneten mit einer Bilddatenbank von 25.000 Kriminellen irrtümlich sechsundzwanzig Politiker als Verbrecher „erkannte“, ging um die Welt und führte zum Ende der Initiative. Jetzt hat, wie die Nachrichtenseite „Vice“ berichtet, die Universität Harrisburg in Pennsylvania die Entwicklung eines Systems bekanntgegeben, das mittels Gesichtserkennung angeblich das Kriminalitätsprofil eines Menschen ermitteln kann – mit, wie es heißt, achtzigprozentiger Treffsicherheit und ganz ohne rassistische Vorurteile.

          Ein ehemaliger Polizist aus New York, jetzt als Student an der Entwicklung beteiligt, betont, das Projekt berge für die Strafverfolgungsbehörden großes Potential. Kritiker vermochten die Begeisterung nicht zu teilen, die Universität sah sich gezwungen, die Presseerklärung und den dazugehörigen Tweet zurückzuziehen. Gut, dass die Beteuerung, die Künstliche Intelligenz arbeite vorurteilsfrei, die Vorgeschichte der Idee nicht vergessen macht.

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