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Albrecht Schöne erinnert sich : Kampf um 1968

Albrecht Schöne bei einem Vortrag in Frankfurt im Jahr 2015 Bild: Helmut Fricke

Hätte der Göttinger Germanist Albrecht Schöne gegen die 68er-Revolte in den Hörsälen tatkräftiger einschreiten sollen? Das fragte er sich während eines Vortrags - fast fünfzig Jahre danach.

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          Auf einen Schelmen anderthalbe: Auf der Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen legt Albrecht Schöne ein Bekenntnis ab. Er hat im halben Jahrhundert seit 1968 bisweilen darüber nachgedacht, ob er die Hörsaalrevolutionäre mit deren eigener Methodik hätte bekämpfen sollen. Als der Göttinger Professor der Germanistik am 13. Mai 1969 die für große Kollegien eingerichtete Paulinerkirche betrat, empfing ihn ein Schimpfchor von etwa zwanzig Personen, die sich die Verfügung über „die lautstarke Mikrofonanlage“ gesichert hatten.

          Der zweiundneunzigjährige Redner, der an jenem Tag vor 48 Jahren den Kampfplatz „wortlos“ verließ, artikuliert jetzt jedes Wort laut und deutlich und wird beim Wort „lautstarke“ noch ein klein wenig lauter. Auf jedes einzelne Wort kommt es an; Schöne hat angekündigt, dass man einige Wörter in der Aula der Universität wohl noch nie „vernehmlich“ gehört habe. Der Festvortrag mit dem Titel „Erinnerungen an die 68er-Revolte in Göttingen“ sprengt die Konventionen des Genres mit Bedacht. Schöne spricht absolut gefasst und sichtlich bewegt. Er präsentiert nicht nur, als waltete er einfach seines Lehramtes, eine Sammlung von unschönen Stellen, Verbalbelegen für die gegen ihn als Repräsentanten der Professorenschaft gerichteten Aggressionen, sondern gewährt ebenso sachlich und bündig auch Einblick in seine seelische Verfasstheit beim Empfang der Hassmitteilungen. „Mein Katheder-Mikrofon hätte ich allenfalls mit handfester Gewalt erreichen können. Dass ich’s auf diese Weise nicht wenigstens versuchte, habe ich später manchmal bedauert.“

          Bei diesem Zitat lacht niemand

          Obwohl er sich zu seiner Rechtfertigung nachträglich unter Umständen auf die dubiose Kasuistik der Unterscheidung von Gewalt gegen Sachen und Personen hätte berufen müssen. Vielleicht wäre es ihm mit Körpereinsatz gelungen, die übergroße Mehrheit der Studenten, die seine Vorlesung hören wollten, aus der Passivität zu locken: „die konsternierten, wohl auch ein wenig amüsierten Zuschauer“, die alle sitzen blieben. Auch das Festpublikum ist teils amüsiert, lacht über groteske Fundstücke wie die Flugblattkritik an der Vorlesung als dem „zeremoniellen Ausdruck des Privatbesitzes an wissenschaftlichen Produktionsmitteln“. Schöne ist auf die Reaktion vorbereitet und bemerkt mehrfach, dass damals niemand gelacht habe und für ihn die Publikation einer Inventarliste seiner Mülltonne nicht lustig gewesen sei.

          Er will das Lachen nicht rügen, das im zivilen Raum der Aula die klassische Funktion der Entlastung hat: Alles hätte noch schlimmer kommen können, so schlimm wie ausgemalt von dem anonymen Anrufer, der Schöne 1977 das Schicksal Siegfried Bubacks androhte, oder in dem Pamphlet, das 1968 in ungemäßigter Kleinschreibung zur Vergewaltigung der „töchter“ und „weiber“ der Professoren aufrief. Als Schöne diese Zitate verliest, lacht niemand. „Ein ,Unrat‘ namens Schöne“: Ein Artikel unter dieser Überschrift gab ihm 1979 den Anlass für ein Privatissimum über das Nachleben der Nazi-Sprache. „Ich meinte, auf solch groben Klotz gehöre ein grober Keil.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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