https://www.faz.net/-gqz-83yzq

Kampf gegen Terrorismus : Ägypten will mit Kultur besänftigen

  • -Aktualisiert am

Gute alte Zeit: Ägypten will den Leuchtturm von Alexandria rekonstruieren. Angeblich läuft bereits das Genehmigungsverfahren. Bild: Picture-Alliance

Mit Großprojekten mobilisiert der neue Kulturminister gegen den religiösen Radikalismus. Sogar den legendären Leuchtturm von Alexandria will man nachbauen.

          4 Min.

          Die politischen Umbrüche in Ägypten seit der Revolution von 2011 haben auch im Kulturministerium ihre Spuren hinterlassen. Nicht weniger als sieben Minister hat das Ressort bis zur jüngsten Kabinettsumbildung im März kommen und gehen sehen. Fast jeder von ihnen verhieß einen kulturellen Aufbruch, den nun auch der neue, achte nachrevolutionäre Amtsinhaber Abdel Wahed al Nabawi nicht müde wird zu verkünden. Ebenfalls kein Novum, da auch schon von seinen beiden, mit dem alten Mubarak- wie dem neuen Militärregime verbandelten Vorgängern bekannt, war al Nabawis Kampfansage an den Terrorismus bei seinem Amtsantritt: Ägypten befinde sich im Krieg und die Kultur müsse an vorderster Front mitkämpfen.

          Wie sein Vorvorgänger Saber Arab, hat auch der amtierende Minister moderne Geschichte an der konservativen Al-Azhar-Universität unterrichtet. Und wie dieser wechselte von dort auch al Nabawi ans ägyptische Nationalarchiv, wo er 2010 Arab als Leiter ablöste. Nicht nur dieser Verbindung dürfte al Nabawi seine Ernennung zum Kulturminister verdanken. Ihn qualifiziert wohl auch sein Image als Opfer der kurzlebigen Muslimbrüder-Herrschaft, aus deren Zerschlagung das jetzige Regime mit Ex-Armeechef al Sisi an der Spitze die Legitimation für seine „Juni-Revolution“ von 2013 – im Ausland eher Militärputsch genannt – bezieht.

          Aufbruch mit neuem Nationalarchiv

          Al Nabawi hatte unter dem früheren Präsidenten und jetzigen Todeskandidaten Muhammad Mursi seinen Posten als Leiter des Nationalarchivs räumen müssen. Er soll sich geweigert haben, unter Verschluss gehaltene staatliche Akten über Hassan al Banna, den Gründervater der Muslimbruderschaft, deren Kadern auszuhändigen.

          Umso symbolträchtiger wirkte es, dass al Nabawi nun als Kulturminister Anfang Mai als erste bedeutende Amtshandlung den neuen Sitz des Nationalarchivs im Kairoer Stadtteil Fustat einweihte. Für die Finanzierung des bereits 2003 konzipierten, mit modernster Technik ausgestatteten fünfstöckigen Neubaus, der sich mit seiner geschwungenen Fassade zeitgemäß präsentiert, sorgte größtenteils Sultan bin Muhammad al Qasimi, Herrscher des Golf-Emirats Schardscha, der auch zu den Einweihungsfeierlichkeiten anreiste. Die zu diesem Anlass vom Kulturministerium herausgegebene 120 Seiten starke Publikation preist das Projekt als „Aufbruch in eine neue Welt“.

          Über eine „Mäßigung des religiösen Diskurses“ spricht das ägyptische Waqf-Ministerium auf einer Tagung:  Kulturminister al Nabawi (rechts) und Waqf-Minister Mohammed Moktar Gomaa.
          Über eine „Mäßigung des religiösen Diskurses“ spricht das ägyptische Waqf-Ministerium auf einer Tagung: Kulturminister al Nabawi (rechts) und Waqf-Minister Mohammed Moktar Gomaa. : Bild: Reuters

          Auf der ersten Seite prangt das Konterfei von Präsident al Sisi. In seinem Grußwort stilisiert der Kulturminister al Nabawi die Ägypter zu einem Volk mit besonders ausgeprägter Archivkultur, welche schon die Pharaonen gepflegt hätten. Nun gebe der Staat die Schätze des Nationalarchivs in die Hände der jungen Generation. Ihre Aufgabe werde es sein, das Land in ein neues Zeitalter zu führen und seine Zivilisation wieder in die ganze Welt strahlen zu lassen.

          Appell an Allahs Güte

          Nicht weniger kulturmissionarisch gibt sich hier zwar auch Hilmi al Namnam, Leiter der für Nationalbibliothek und -archiv zuständigen ägyptischen Behörde. Gleichwohl bemerkt er nüchtern, dass das Nationalarchiv erst nach der Verabschiedung des geplanten neuen Archivgesetzes seine Funktion voll und ganz erfüllen werde.

          Dass ägyptische Intellektuelle schon seit Jahren vergebens freien Zugang zu Staatsakten fordern, bleibt unerwähnt. Auch sie dürfte befremden, dass die hier zu Wort kommenden ranghohen Kulturbeamten, wenn sie die ägyptische Bildungszukunft in rosigen Farben malen, für alle Fälle auch noch die Formel „Inschallah“ bemühen – ganz so, als wäre Wissenschaftlichkeit auf eine gute Portion Volksfrömmigkeit angewiesen. Es überrascht nicht, wenn hier die (kopftuchtragende) neue Archivleiterin Nifin Mahmud ausdrücklich an Allahs Güte appelliert. Ihr ist auch der Part zugeteilt, an Ägyptens führende Rolle in der arabischen Welt – auch als Bildungsnation – zu erinnern.

          Dass dem Geldgeber vom Golf, der in jungen Jahren in Kairo Landwirtschaft studierte, in dem Band nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Abdruck ägyptischer Archivakten zu dem von ihm seit 1972 regierten Emirat Schardscha gedankt wird, soll die besondere Verbundenheit beider Länder hervorheben. Sie manifestiert sich auch im Kampf gegen den radikalislamischen Terror. So findet sich unter den von Emir al Qasimi in Ägypten finanzierten Kultur- und Bauprojekten auch der Plan zur Errichtung von fünfundzwanzig Moscheen zu Ehren der „Märtyrer des Massakers von Rafah“ – die offizielle Bezeichnung im Land für den Terroranschlag, bei dem 2012 im Sinai etliche ägyptische Soldaten ums Leben kamen und der den Beginn des innerägyptischen „Terrorkriegs“ markiert.

          Salafisten werden zur Gefahr für den Staat erklärt

          Das Bündnis mit Schardscha ist aber auch bezeichnend für die ideenpolitischen Koordinaten, die den Kurs der zusehends miteinander verzahnten Kultur- und Religionspolitik Kairos diktieren. Tonangebend ist ein islamischer Konservativismus, für den der Staatschef al Sisi selbst steht. Muslimbrüder und Salafisten – besonders letztere durften unter Mubarak noch relativ frei agieren – werden zu einer ernsten Gefahr für den Staat erklärt, zu deren Eindämmung nun auch das religiöse Establishment seinen Beitrag leisten muss.

          Tatsächlich zeigen sich Religions- wie Kulturbeamte bei der Umsetzung der vom Präsidenten geforderten „Mäßigung des religiösen Diskurses“ ungemein kooperativ: Unter diesem Motto wurde etwa am vergangenen Montag in Kairo eine medienwirksam inszenierte Tagung des ägyptischen Waqf-Ministeriums abgehalten. Kulturminister al Nabawi war auch hier präsent – als Referent.

          Die neue Disziplinierung der ägyptischen Rechtsgelehrten lässt an die Zeiten des säkular geprägten Panarabismus denken. Gedenkpolitischer Rückgriff auf Altägypten und Antike, gleichzeitige Selbstdarstellung als modernisierende und führende arabische Macht standen damals und stehen heute im Vordergrund.

          Häuser restaurieren, Miniröcke verbieten

          Dass aber Ägypten schon im neunzehnten Jahrhundert ein Musterbeispiel für Modernisierung gewesen sein soll, ist eine relativ neue Zutat in diesem aufgefrischten Ideologiemix. Sich die kulturellen Leistungen des Khediven Ismail Pascha (1830 bis 1895) zum Vorbild zu nehmen, wäre den revolutionären Generälen um Gamal Abdel Nasser wohl kaum in den Sinn gekommen, die 1952 den letzten Khediven-Spross Faruq I. aus dem Land jagten.

          Doch scheinen neuerdings die vom europafreundlichen Ismail Pascha erbauten und lange vernachlässigten Kairoer Straßenzüge mit ihren vom europäischen Historismus inspirierten Bauten der Restaurierung würdig. Auch wenn mit dieser schon vor al Nabawis Amtsantritt begonnen wurde, wird es jetzt als eines seiner Großprojekte dargestellt, zu denen bald auch ein besonders spektakuläres gehören könnte: der naturgetreue Nachbau des legendären Leuchtturms von Alexandria – eines der sieben Weltwunder der Antike –, der sich bereits im Genehmigungsverfahren befinden soll.

          Die Kulturoffensive am Nil strebt nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. So etwa sollen durch die geplante Renovierung und Wiederbelebung der heruntergekommenen kommunalen Kulturhäuser möglichst viele Ägypter für die Künste begeistert werden. Deren Potential als den Radikalismus „besänftigende Macht“ rühmt denn auch der Minister mit viel vaterländischem Pathos und erntet damit bei immer mehr Kulturleuten Zustimmung. Andere klagen jedoch über die verschärfte Zensur, die nach alter Weise weder Kritik am Regime noch vermeintlich Unsittliches duldet. Zuletzt traf sie die Sängerin Reda al Fouly. Ihr Vergehen: auf einem Videoclip in tief ausgeschnittenem hautengem Minikleid lasziv zu tanzen. Wegen „anstößiger Ausschweifungen“ steht sie gerade in Kairo vor Gericht.

          Weitere Themen

          Ich werde leben

          TV-Serie „It’s a Sin“ : Ich werde leben

          „It’s a Sin“ ruft den Beginn der Aids-Pandemie auf. Die britische Miniserie ist eine Ode an die homosexuelle Emanzipationsbewegung und das London der Achtzigerjahre.

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

           Es gibt gut 220 000 Spielautomaten in Deutschland.

          Glücksspiel vor der Reform : Das große Zocken

          In Deutschland wird das Online-Spielen um Geld erlaubt. Der Staat will mitverdienen – treibt er die Zocker damit Kriminellen in die Arme?
          Erholung im Low-Covid-Sommer vor der vierten Welle: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt.

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Unser Team ist dezimiert“

          In Deutschland sinken die Fallzahlen. Oberarzt Cihan Çelik berichtet, wie es jetzt auf der Isolierstation im Klinikum Darmstadt aussieht, was mit der Delta-Variante auf uns zukommt und wie sinnvoll die Maskenpflicht noch ist.
          Die 28 Jahre alte Annalena Baerbock 2009 auf dem Landesparteitag von Bündnis90/Die Grünen in Angermünde (Uckermark).

          Buch von Annalena Baerbock : Ein konsensfähiges Leben

          Wenn irgendwo was rumliegt, räumt sie es auf: Wie Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt“ die neue Rolle der Grünen zu verkörpern versucht.
          EZB-Präsidentin Christine Lagarde und der EZB-Rat bei ihrer Klausurtagung im Taunus.

          Treffen im Taunus : EZB-Rat zurrt künftige Strategie fest

          Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie hat sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde mit dem EZB-Rat physisch getroffen. Es ging um die ganz großen Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.