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Kampf gegen Medien : Trump Bump

  • -Aktualisiert am

Quotenrekorde dank „POTUS“: Alec Baldwin in der Satiresendung „Saturday Night Live“ zusammen mit Kate Kinnon als Hillary Clinton. Bild: AP

Die „New York Times“ ist zu Trumps Lieblingsgegner avanciert. Das hat nicht nur Nachteile, denn das Blatt zählt viele neue Abonnenten – wie auch andere Medien, die sich mit dem Präsidenten anlegen.

          Nicht nur Wrestler bringen, wenn sie sich mit Kawumm auf ihre Gegner fallen lassen, den Ring zum Beben. Auch Donald Trumps Aufschlag im Präsidentenamt gleicht einem solchen „Bump“, und wie Faustschläge auf den Schreibtisch im Oval Office gehen auf die Weltöffentlichkeit Dekrete und Tweets des neuen „Potus“ nieder. Sie sollen wohl Schockwellen in die Arena senden, Kritiker von der Bühne stürzen und Verbündete in die Höhe heben.

          Doch zeitigt Trumps Seismik à la: „Die scheiternde @nytimes hat in Bezug auf mich von Anfang an falsch gelegen. Sagte, ich würde Vorwahlen verlieren, dann Wahl. FAKE NEWS!“ auf Twitter auch unerwartete Effekte. Zumal gerade aufgeflogen war, dass sein Sprecher in Sachen Zuschauerbeteiligung bei der Inauguration „alternative Fakten“ unters Volk gebracht hatte, die ins Reich der Fabel gehörten. Trumps Lieblingsgegner „New York Times“ wies das minutiös nach und bezog einmal mehr Social-Media-Prügel von Mr. President.

          Turmhohe Klickzahlen dank unterirdischer Gastronomie

          Das freilich kratzt die Zeitung nicht. Denn nach dem Prinzip von Stoß und Gegenstoß ist das Label „Anti Trump“ zum Marketingargument geworden: Im letzten Quartal 2016 hat die „New York Times“ mehr als eine Viertelmillion Digitalabonnenten gewonnen. Wird nun alles gut, weil der „Trump Bump“ alle im Netz wachrüttelt, die solide recherchierte Information und unabhängigen Journalismus für geboten halten und mehr wollen, als in Filterblasen abzuhängen oder sich mit Alternativfakten abfüttern zu lassen?

          Ganz so einfach ist das nicht. Eine Studie hat unlängst herausgefunden, dass wieder mehr Menschen den traditionellen Medien vertrauen. Der Anteil derjenigen, die genau das nicht tun, ist allerdings auch gewachsen. Trumps Amtsantritt hat weltweit Millionen Frauen auf die Straßen getrieben, aber die Zementhersteller, Putin, die amerikanische Kohle-, Öl- und Autoindustrie und Amerikas Banken reiben sich trotzdem die Hände – und „Vanity Fair“. Das Magazin, das von Trump als trauriges Blatt abgekanzelt worden war, nachdem es das Grillrestaurant im Trump Tower als gastronomisches Kellerlokal beschrieben hatte, konterte, die Trump-Story habe ihr turmhohe Klickzahlen im Netz beschert.

          Goldstarrende Fotostrecke

          Nach der Wahl hob „Vanity Fair“ die neue First Lady auf den Titel der mexikanischen Ausgabe. Das Bild der eine Perlenkette wie Spaghetti auf die Gabel rollenden Melania kann man als Kniefall deuten oder als raffiniertes Decouvrieren. Löste nicht schon die goldstarrende Fotostrecke mit Trump-Familie in der französischen Ausgabe des Blattes eher Grusel als Sympathie aus?

          Kniefall oder raffiniertes Decouvrieren? Melania Trump auf dem Titel der mexikanischen „Vanity Fair“.

          Geschadet hat das Trump nicht. Aber dagegen, dass er auch diejenigen groß macht, die er kleinhalten will, kann er ebenfalls nichts tun. Seit Alec Baldwin in „Saturday Night Live“ den Trump gibt, macht die Satireshow satte Quote, je mehr sich der Präsident auf Twitter an dem Schauspieler abarbeitet, desto besser für diesen. Am raffiniertesten hat Megyn Kelly den Trump Bump als Karrierebooster genutzt. Erst legte sie sich als Moderatorin von Fox News mit dem Kandidaten Trump an, der tat ihr den Gefallen, sie sexistisch zu beschimpfen, prompt galt Megyn Kelly als Jeanne d’Arc des Journalismus. Es folgte ein Versöhnungsinterview – und nun wechselte sie für zwanzig Millionen Dollar den Sender. So wird der Trump Bump zur cash machine.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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