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Kampf der Geschlechter : Pariser Revanche

  • -Aktualisiert am

Nach der Freilassung von Dominique Strauss-Kahn nimmt in Frankreich der Kampf der Geschlechter wieder Fahrt auf. Folgt jetzt die fanatische Radikalisierung?

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          Dominique Strauss-Kahn, kurz DSK, ist wieder ein freier Mann, die juristische Auseinandersetzung beschränkt sich fortan auf Nebenschauplätze beidseits des Atlantiks. Wieder ausgebrochen ist indes der Krieg der Geschlechter. Vollmundig hatte sich Frankreich nach der Verhaftung mit DSK solidarisiert. Doch die Feministinnen kehrten den Diskurs um. Die Franzosen übten laute Selbstkritik oder schwiegen verschämt. Die „domination masculine“ wurde beklagt und das „Ende der sexuellen Ausnahme“ mit einem Herrenrecht wie im Ancien Régime verkündet. Was aber bleibt nach der schnellen Wende?

          Nichts, fürchten die Feministinnen. Schlimmer noch: Die Unglaubwürdigkeit von Nafissatou Diallo, die schon ihre Aufenthaltserlaubnis in den Vereinigten Staaten mit der Mär von einer kollektiven Vergewaltigung erschlichen hatte, werde einen Rückfall bewirken. In ihrer Verzweiflung machen sie nochmals mobil. „Die sogenannte Verführung à la française ist reine sexuelle Gewalt“, befindet die Historikerin Florence Montreynaud in „Le Monde“.

          „DSK, Sex und Amerika“

          Bis zur Vergewaltigung ist es nur ein kleiner Schritt: Vom Verführer unterscheidet sich der Vergewaltiger nur dadurch, dass er sich das Blabla erspart. Wie DSK, so oder so. Seine Freilassung, die kein Freispruch ist, hat zu einer fanatischen Radikalisierung des Feminismus geführt. Pascal Bruckner wirft ihm in derselben Zeitung schlicht die „Kriminalisierung der heterosexuellen Sexualität“ vor. Die Allianz der Feministinnen mit der neokonservativen Rechten in Amerika habe zu einer „demokratischen Inquisition“ geführt. Die Vereinigten Staaten haben „nicht nur ein Problem mit der Sexualität, das auf ihren Protestantismus zurückgeht, sie wollen auch noch der ganzen Welt ihre Lektionen erteilen“, höhnt Bruckner: „DSK, Sex und Amerika“.

          Auch die Folterungen in Abu Ghraib führt er auf ihre Verklemmtheit und „sexuelle Krankheit“ zurück. Die Verhaftung von DSK war „die Strafe für den Irak, Polanski und das Verbot von Kopftuch und Burka“. Die „intellektuellen Feministinnen“ bezeichnet er als reine „Propagandistinnen des American way of life für urbi et orbi“. Bruckner gehörte in Frankreich zu den mutigsten Kritikern des Antiamerikanismus. Lange unterstützte er den Einmarsch im Irak. Jetzt gibt er den Startschuss zur französischen Revanche im transatlantischen Krieg der Geschlechter und Kulturen: „Wir können von unseren amerikanischen Freunden viel lernen, aber sicher nicht die Kunst der Liebe.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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