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Im Gespräch: Kamel Daoud : Keiner wird als Islamist geboren

  • -Aktualisiert am

Kamel Daoud in Oran. Bild: Ferhat Bouda

Der algerische Autor Kamel Daoud hat Camus’ Roman „Der Fremde“ noch einmal geschrieben hat - aus der Sicht der Araber. Ein Gespräch über die Entfremdung zwischen arabischer und westlicher Kultur.

          5 Min.

          Seit Ihr Roman „Der Fall Meursault“ erschienen ist, sind Sie zum Sprachrohr der liberalen arabischen Welt geworden.

          Der Westen wird gerade von meiner Welt bedroht, da ist es normal, dass man Leuten wie mir plötzlich zuhört!

          Zuletzt haben Sie in der „New York Times“ über den Zusammenhang zwischen dem „Islamischen Staat“ und Saudi-Arabien geschrieben...

          ... ja, der Artikel hieß „Saudi Arabia, an ISIS that Has Made It“. Für mich gehören der „Islamische Staat“ und Saudi-Arabien zusammen. Der radikale Islam ist wie ein Auto, er läuft mit Öl. Ich finde die Haltung des Westens dem gegenüber extrem heuchlerisch. Auf der einen Seite heißt es, man müsse den Terrorismus bekämpfen, auf der anderen weigert man sich, seinen Ursprung anzugreifen.

          Wie genau würden Sie die Rolle Saudi-Arabiens beschreiben?

          Es ist doch so: Man wird nicht als Islamist geboren, man wird einer. Man wird einer, weil es Menschen gibt, die einem Ideen anbieten. Saudi-Arabien exportiert Gedanken, und zwar gratis. Sie müssen sich nur einmal ansehen, wie viele Millionen für Propaganda ausgegeben werden. Das ist unfassbar. Die gehen in Bücher, die man umsonst verteilt, und in Fernsehsender, die in allen arabischen Ländern ausgestrahlt werden. Wir empfangen 30 französische und 1200 religiöse Sender. Was denken Sie, welchen Einfluss das auf die Menschen hat?

          Sie sprechen oft von einem verlorenen Kulturkampf.

          Natürlich. Was meinen Sie, warum der Faschismus, und der „Islamische Staat“ ist ein Faschismus, sich immer erst an der Kultur vergreift, warum man Kulturstätten zerstört, Wissenschaftler und Intellektuelle tötet? Genau deshalb: Weil dann nichts als die Wüste zurückbleibt. Und was hört man in der Wüste? Man hört Gott. Wissen Sie, ich war selbst einmal sehr religiös, und ich denke, dass mich unter anderem die Bücher gerettet haben. Ich sage oft: Der Mann vieler Bücher ist tolerant, der Mann eines Buches ist intolerant. Es bedarf vieler Bücher, um frei zu sein.

          In Ihrem Roman, „Gegendarstellung“ spricht Harun, der Bruder des getöteten Arabers aus Camus’ „Der Fremde“. Das Interessante ist, dass Harun und Camus’ Held, Meursault, irgendwann zu Spiegelbildern werden. Sie fühlen sich beide fremd in der Welt.

          Ich glaube, dass dieses Syndrom der Fremdheit irgendwann jeden trifft. Deshalb wurde „Der Fremde“ auch weltweit gelesen. Nicht, weil es um einen langweiligen „pied noir“ geht, sondern weil es ein allgemeines, sehr schmerzhaftes Gefühl benennt. Für mich drückt sich die Fremdheit bei Meursault wie bei Harun dadurch aus, dass sie nichts mehr begehren. Es ist der Verlust der Lust am Leben.

          Das hat eine beunruhigende Aktualität.

          In der Tat. Den Dschihadisten bewegt sicher etwas Ähnliches: Er begehrt nichts mehr, keine Frau, keinen Mann, das Leben wird unwichtig. Überhaupt sind die Parallelen erstaunlich. Erinnern Sie sich an den Attentäter von Sousse in Tunesien? Mich haben die Bilder hypnotisiert: Da war dieser Mann, die Sonne, das Meer. Er läuft ganz langsam über den Strand und schießt. Er schlendert fast. Wie bei Camus: Ein schlendernder Mörder!

          Sie haben im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris von einem Niedergang der arabischen Welt gesprochen. Welche Rolle spielt die Kolonialgeschichte darin?

          Sicher eine große. Wenn Sie in meinem Teil der Welt geboren sind, sind Sie von einer tiefen Desillusionierung geprägt. Wenn Sie aufwachsen und sehen, dass die Dekolonisation ihre Versprechen nicht gehalten hat, dass diejenigen, die das Land befreit haben, die Kolonialherren nur ersetzt haben, dass die arabische Linke keine Ideen entwickelt, die der neuen Generation eine Zukunftsvision bietet. Wenn Sie keine Chance auf einen Job, also auch keine Chance auf Geld und Freizeit, keine Chance auf ein Leben sehen, und dann kommt einer mit seinen Gratisbüchern und verspricht Ihnen eine Zukunft, ein Paradies, all die Dinge, die Ihnen hier in dieser Welt fehlen. Was machen Sie dann?

          Und doch sind Sie gegen Opferdiskurse.

          Ich weigere mich, an Diskursen teilzunehmen, die sagen, wir, in der arabischen Welt, könnten nichts dafür, dass es den „Islamischen Staat“, den Terrorismus und das wirtschaftliche Versagen gibt. Der „Islamische Staat“, das müssen wir begreifen, ist auch ein Teil von uns. Wir sind selbst schuld an dem, was passiert. Und wir sind diejenigen, die etwas ändern können.

          Man legt Ihnen diese kritische Haltung oft als Selbsthass aus.

          Das ist kompletter Blödsinn. Ich habe keinen Hass, ich liebe mein Land und sein Volk. Sonst würde ich nicht hier in Algerien leben. Trotzdem bin ich ein Verfechter der Klarheit. Man muss die Dinge sehen, wie sie sind. Das ist der erste Schritt zur Veränderung. Ich weiß, dass der Westen ungerecht war, natürlich. Aber ich sehe nicht ein, dass wir für diese Erkenntnis drei Generationen opfern. Das muss aufhören. Wir haben das Recht darauf, normal zu leben.

          Erst neulich wurden Sie wieder kritisiert, als Sie eine Kolumne mit dem Titel „Le danger de la colognisation“ schrieben, ein Wortspiel: mit „colonisation“ war auch „Cologne“ gemeint, Köln. Können Sie das kurz erklären?

          Mir ist aufgefallen, dass diese schreckliche Nacht in Köln alte Denkmuster reaktiviert hat: Das Bild des anderen, der eindringt, die Barbaren, die kommen, um zu nehmen, was „uns“ gehört. Es hat mich beeindruckt, wie schnell solche Phantasmen wieder hochkommen, wie tief sie sitzen. Das Verrückte ist, dass ich dafür von beiden Seiten scharf angegriffen wurde. Bei uns warf man mir vor, mit dem Westen zu schmusen, bei Ihnen meinte man, ich würde das Geschehene verteidigen. Lesen Sie mal die Kommentare in „Le Monde“, da steht wirklich: „Sie verteidigen das, weil Sie Araber sind!“

          Sie sagen, man könne eine Gesellschaft an ihrem Umgang mit der Frau beurteilen.

          Ja, davon bin ich überzeugt. Am Verhältnis zur Frau zeichnet sich das Verhältnis zur Phantasie, zum Begehren, zum Körper, zum Leben ab. Wie soll eine Gesellschaft gesund sein, die den Ursprung des Lebens verachtet? Es ist ganz einfach: Solange wir dieses Problem nicht geregelt haben, kommen wir nicht weiter. Das ist wohl das Einzige, das ich dem Westen neide: die Freiheit der Frau.

          Was Sie uns nicht neiden, sind die Debatten. Sie finden sie feige. Diese Woche wurde in Frankreich die „Déchéance de la Nationalité“ in die Verfassung aufgenommen, ein Gesetz, das es erlaubt, Doppelstaatlern unter bestimmten Voraussetzungen die Nationalität zu entziehen. Was halten Sie davon?

          Ich finde es lächerlich, das löst überhaupt nichts. Wer töten will, der pfeift auf seine Nationalität. Er hat gar keine mehr, das ist es ja: Radikalismus kennt keine Nationalität. Wir pochen noch darauf, aber denen ist das vollkommen egal, sie denken global. Davon abgesehen finde ich es gefährlich, weil es voraussetzt, dass es eine reine Form der nationalen Zugehörigkeit gibt. In Algerien wird gerade eine ähnliche Debatte geführt: Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft sollen keine hohen Ämter mehr belegen können.

          Haben Sie das Gefühl, dass solche Maßnahmen Ausdruck einer Frontenbildung sind?

          Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass sich die Positionen gerade verhärten. Man vertreibt die Christen aus dem Orient. Und durch die jüngsten Anschläge erschwert man den Muslimen das Leben in Europa. Als würde man einen Krieg vorbereiten. Einen großen Krieg. Alles, was uns verbindet, wird durchtrennt. Mir macht das große Angst.

          Die Anschläge in Paris waren ein Versuch der Spaltung?

          Natürlich. Frankreich steht nicht zufällig im Fokus islamistischer Terroristen. Es ist das europäische Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, das Beispiel dafür, dass Vielfalt möglich ist.

          In Frankreich ist die Stimmung sehr gedrückt seit den letzten Attentaten. Sie selbst haben in Paris Freunde verloren. Wie beobachten Sie das?

          Wir haben in den neunziger Jahren in Algerien etwas Ähnliches durchgemacht. Es ist schrecklich, aber man hat keine Wahl: Entweder man lebt weiter oder man stirbt andauernd. Erst ist da die Trauer, und dann kommt der Tod so häufig, dass sie austrocknet. Aber man muss weitermachen, man darf sie nicht gewinnen lassen. Niemals.

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