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Im Gespräch: Kamel Daoud : Keiner wird als Islamist geboren

  • -Aktualisiert am

Kamel Daoud in Oran. Bild: Ferhat Bouda

Der algerische Autor Kamel Daoud hat Camus’ Roman „Der Fremde“ noch einmal geschrieben hat - aus der Sicht der Araber. Ein Gespräch über die Entfremdung zwischen arabischer und westlicher Kultur.

          Seit Ihr Roman „Der Fall Meursault“ erschienen ist, sind Sie zum Sprachrohr der liberalen arabischen Welt geworden.

          Der Westen wird gerade von meiner Welt bedroht, da ist es normal, dass man Leuten wie mir plötzlich zuhört!

          Zuletzt haben Sie in der „New York Times“ über den Zusammenhang zwischen dem „Islamischen Staat“ und Saudi-Arabien geschrieben...

          ... ja, der Artikel hieß „Saudi Arabia, an ISIS that Has Made It“. Für mich gehören der „Islamische Staat“ und Saudi-Arabien zusammen. Der radikale Islam ist wie ein Auto, er läuft mit Öl. Ich finde die Haltung des Westens dem gegenüber extrem heuchlerisch. Auf der einen Seite heißt es, man müsse den Terrorismus bekämpfen, auf der anderen weigert man sich, seinen Ursprung anzugreifen.

          Wie genau würden Sie die Rolle Saudi-Arabiens beschreiben?

          Es ist doch so: Man wird nicht als Islamist geboren, man wird einer. Man wird einer, weil es Menschen gibt, die einem Ideen anbieten. Saudi-Arabien exportiert Gedanken, und zwar gratis. Sie müssen sich nur einmal ansehen, wie viele Millionen für Propaganda ausgegeben werden. Das ist unfassbar. Die gehen in Bücher, die man umsonst verteilt, und in Fernsehsender, die in allen arabischen Ländern ausgestrahlt werden. Wir empfangen 30 französische und 1200 religiöse Sender. Was denken Sie, welchen Einfluss das auf die Menschen hat?

          Sie sprechen oft von einem verlorenen Kulturkampf.

          Natürlich. Was meinen Sie, warum der Faschismus, und der „Islamische Staat“ ist ein Faschismus, sich immer erst an der Kultur vergreift, warum man Kulturstätten zerstört, Wissenschaftler und Intellektuelle tötet? Genau deshalb: Weil dann nichts als die Wüste zurückbleibt. Und was hört man in der Wüste? Man hört Gott. Wissen Sie, ich war selbst einmal sehr religiös, und ich denke, dass mich unter anderem die Bücher gerettet haben. Ich sage oft: Der Mann vieler Bücher ist tolerant, der Mann eines Buches ist intolerant. Es bedarf vieler Bücher, um frei zu sein.

          In Ihrem Roman, „Gegendarstellung“ spricht Harun, der Bruder des getöteten Arabers aus Camus’ „Der Fremde“. Das Interessante ist, dass Harun und Camus’ Held, Meursault, irgendwann zu Spiegelbildern werden. Sie fühlen sich beide fremd in der Welt.

          Ich glaube, dass dieses Syndrom der Fremdheit irgendwann jeden trifft. Deshalb wurde „Der Fremde“ auch weltweit gelesen. Nicht, weil es um einen langweiligen „pied noir“ geht, sondern weil es ein allgemeines, sehr schmerzhaftes Gefühl benennt. Für mich drückt sich die Fremdheit bei Meursault wie bei Harun dadurch aus, dass sie nichts mehr begehren. Es ist der Verlust der Lust am Leben.

          Das hat eine beunruhigende Aktualität.

          In der Tat. Den Dschihadisten bewegt sicher etwas Ähnliches: Er begehrt nichts mehr, keine Frau, keinen Mann, das Leben wird unwichtig. Überhaupt sind die Parallelen erstaunlich. Erinnern Sie sich an den Attentäter von Sousse in Tunesien? Mich haben die Bilder hypnotisiert: Da war dieser Mann, die Sonne, das Meer. Er läuft ganz langsam über den Strand und schießt. Er schlendert fast. Wie bei Camus: Ein schlendernder Mörder!

          Sie haben im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris von einem Niedergang der arabischen Welt gesprochen. Welche Rolle spielt die Kolonialgeschichte darin?

          Sicher eine große. Wenn Sie in meinem Teil der Welt geboren sind, sind Sie von einer tiefen Desillusionierung geprägt. Wenn Sie aufwachsen und sehen, dass die Dekolonisation ihre Versprechen nicht gehalten hat, dass diejenigen, die das Land befreit haben, die Kolonialherren nur ersetzt haben, dass die arabische Linke keine Ideen entwickelt, die der neuen Generation eine Zukunftsvision bietet. Wenn Sie keine Chance auf einen Job, also auch keine Chance auf Geld und Freizeit, keine Chance auf ein Leben sehen, und dann kommt einer mit seinen Gratisbüchern und verspricht Ihnen eine Zukunft, ein Paradies, all die Dinge, die Ihnen hier in dieser Welt fehlen. Was machen Sie dann?

          Und doch sind Sie gegen Opferdiskurse.

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