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Im Gespräch: Kamel Daoud : Keiner wird als Islamist geboren

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Ich weigere mich, an Diskursen teilzunehmen, die sagen, wir, in der arabischen Welt, könnten nichts dafür, dass es den „Islamischen Staat“, den Terrorismus und das wirtschaftliche Versagen gibt. Der „Islamische Staat“, das müssen wir begreifen, ist auch ein Teil von uns. Wir sind selbst schuld an dem, was passiert. Und wir sind diejenigen, die etwas ändern können.

Man legt Ihnen diese kritische Haltung oft als Selbsthass aus.

Das ist kompletter Blödsinn. Ich habe keinen Hass, ich liebe mein Land und sein Volk. Sonst würde ich nicht hier in Algerien leben. Trotzdem bin ich ein Verfechter der Klarheit. Man muss die Dinge sehen, wie sie sind. Das ist der erste Schritt zur Veränderung. Ich weiß, dass der Westen ungerecht war, natürlich. Aber ich sehe nicht ein, dass wir für diese Erkenntnis drei Generationen opfern. Das muss aufhören. Wir haben das Recht darauf, normal zu leben.

Erst neulich wurden Sie wieder kritisiert, als Sie eine Kolumne mit dem Titel „Le danger de la colognisation“ schrieben, ein Wortspiel: mit „colonisation“ war auch „Cologne“ gemeint, Köln. Können Sie das kurz erklären?

Mir ist aufgefallen, dass diese schreckliche Nacht in Köln alte Denkmuster reaktiviert hat: Das Bild des anderen, der eindringt, die Barbaren, die kommen, um zu nehmen, was „uns“ gehört. Es hat mich beeindruckt, wie schnell solche Phantasmen wieder hochkommen, wie tief sie sitzen. Das Verrückte ist, dass ich dafür von beiden Seiten scharf angegriffen wurde. Bei uns warf man mir vor, mit dem Westen zu schmusen, bei Ihnen meinte man, ich würde das Geschehene verteidigen. Lesen Sie mal die Kommentare in „Le Monde“, da steht wirklich: „Sie verteidigen das, weil Sie Araber sind!“

Sie sagen, man könne eine Gesellschaft an ihrem Umgang mit der Frau beurteilen.

Ja, davon bin ich überzeugt. Am Verhältnis zur Frau zeichnet sich das Verhältnis zur Phantasie, zum Begehren, zum Körper, zum Leben ab. Wie soll eine Gesellschaft gesund sein, die den Ursprung des Lebens verachtet? Es ist ganz einfach: Solange wir dieses Problem nicht geregelt haben, kommen wir nicht weiter. Das ist wohl das Einzige, das ich dem Westen neide: die Freiheit der Frau.

Was Sie uns nicht neiden, sind die Debatten. Sie finden sie feige. Diese Woche wurde in Frankreich die „Déchéance de la Nationalité“ in die Verfassung aufgenommen, ein Gesetz, das es erlaubt, Doppelstaatlern unter bestimmten Voraussetzungen die Nationalität zu entziehen. Was halten Sie davon?

Ich finde es lächerlich, das löst überhaupt nichts. Wer töten will, der pfeift auf seine Nationalität. Er hat gar keine mehr, das ist es ja: Radikalismus kennt keine Nationalität. Wir pochen noch darauf, aber denen ist das vollkommen egal, sie denken global. Davon abgesehen finde ich es gefährlich, weil es voraussetzt, dass es eine reine Form der nationalen Zugehörigkeit gibt. In Algerien wird gerade eine ähnliche Debatte geführt: Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft sollen keine hohen Ämter mehr belegen können.

Haben Sie das Gefühl, dass solche Maßnahmen Ausdruck einer Frontenbildung sind?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass sich die Positionen gerade verhärten. Man vertreibt die Christen aus dem Orient. Und durch die jüngsten Anschläge erschwert man den Muslimen das Leben in Europa. Als würde man einen Krieg vorbereiten. Einen großen Krieg. Alles, was uns verbindet, wird durchtrennt. Mir macht das große Angst.

Die Anschläge in Paris waren ein Versuch der Spaltung?

Natürlich. Frankreich steht nicht zufällig im Fokus islamistischer Terroristen. Es ist das europäische Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, das Beispiel dafür, dass Vielfalt möglich ist.

In Frankreich ist die Stimmung sehr gedrückt seit den letzten Attentaten. Sie selbst haben in Paris Freunde verloren. Wie beobachten Sie das?

Wir haben in den neunziger Jahren in Algerien etwas Ähnliches durchgemacht. Es ist schrecklich, aber man hat keine Wahl: Entweder man lebt weiter oder man stirbt andauernd. Erst ist da die Trauer, und dann kommt der Tod so häufig, dass sie austrocknet. Aber man muss weitermachen, man darf sie nicht gewinnen lassen. Niemals.

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