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Die Sonnenwende : Plötzlicher Wonneknick

Trotz verhältnismäßig hohem Räudigkeitsgrad leuchtet Berlin-Neukölln Bild: dpa

Eine Ernüchterung zu Sommerbeginn: Schon werden die Tage wieder kürzer, die Nächte länger. Doch diese Mitteilung gehört sich nicht. Warum nicht?

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          Das Leben hatte eben erst wieder angefangen, Freude zu machen, diese Sorte von unbändiger, energetisch aufgeladener Freude, Hoffnungskeime allenthalben, da wird einem die gute Stimmung auch schon wieder verhagelt.

          Richtig: Wir sprechen einerseits von Meteorologie, die es gut mit dem Menschen meint, ihm derzeit Licht am Ende des Tunnels, sprich: Tages verspricht und im Übrigen nicht weiter an persönlichen Endzeitszenarien rühren möchte. Aber wir sprechen andererseits auch von astronomischem Kalenderwahn derer, die, statt es mit dem meteorologischen Sommeranfang (1. Juni) sein Bewenden haben zu lassen, partout auf ihrem kalendarischen Sommeranfang (21. Juni)) bestehen, welcher dem Menschen zugleich mit dem Licht und mit der Wärme dunkle Aussichten ins Gemüt legt. So erhielt man von den Kalendaristen ungefragt die Mitteilung, dass der 21. Juni auch schon der längste Tag im Jahr gewesen ist, von dem an die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden.

          Entfristetes Lebensgefühl

          Hier handelt es sich um einen völlig überflüssigerweise herausgehauenen Bescheid. Ein vorgebliches öffentliches Interesse, das zu berücksichtigen sei, ist nicht erkennbar. Der Sommer ist mühsam in Gang gekommen, und da soll er schon wieder auf dem absteigenden Ast sein? Ein betäubender Schlag für die Genussfähigkeit! Wer möchte solche Richtigkeiten gesagt bekommen – die Sonne ist nicht länger willens –, wo man doch gerade dabei war, zu seinem entfristeten Lebensgefühl Vertrauen zu fassen? Eine derart nichtsnutzige, liebestötende Mitteilung, dass die Abende nun wieder kürzer werden, mitten ins Herz des Sommers gestoßen, ist tatsächlich zu nichts anderem gut, als der Wonne einen Knick zu verpassen.

          Wissen die von der Astronomie als vermeintlicher Superdisziplin fehlgeleiteten Kalendaristen, was sie im kollektiven Gemüt anrichten, wenn sie, eine überkandidelte Informationspflicht vor sich hertragend, mutwillig das in uns lauernde Deadline-Gefühl anfachen und das Trauma einer Wiederkehr-des-Gleichen anheizen? Sehen sie denn nicht jenes innere Leuchten, das selbst räudige Stadtbezirke wie Berlin-Neukölln erfüllt (im Räudigkeitsgrad Frankfurt-Preungesheim oder Köln-Nippes vergleichbar), nachdem man sich dort auf die langen Abende eingelassen hat?

          Lebensdienliche Illusionen

          Was soll diese miesepetrige Informationsorgie, nur damit man in Zahlen und aufs Komma genau auch einmal darüber gesprochen hat: über den höchsten Stand der Sonne in Breiten oberhalb des nördlichen Wendekreises, und zu Protokoll geben konnte: Sonnenwende gestern um 5.32 Uhr.

          Gegen den penibel vergegenständlichenden Umgang mit lebensdienlichen Illusionen hilft nur das individuelle Recht auf Nichtwissen, auf das sich zu besinnen wäre – nach dem Motto: hier rein, da raus! Wir werden schon früh genug mitkriegen, wenn wir wieder im Dunkeln sitzen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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