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Kafkas Sätze (60) : Entzauberung der Antike

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Kafka entzaubert die Antike. Die List, mit der Odysseus die Sirenen überwand, war nichts anderes als eine grandiose Selbsttäuschung. Sabine Döring über die Geburt des modernen Helden aus dem Geist subjektiver Überzeugung.

          Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet, es zu hören.

          Mit einem reizvollen Gedankenspiel entzaubert Kafka fast beiläufig einen der größten Helden der Antike. Wie oft hat man die Geschichte gehört, wie es dem listenreichen Odysseus gelingt, sein Schiff sicher an der Insel der Sirenen vorbeizulenken, die mit ihrem unwiderstehlichen Gesang alle Männer ins Verderben stürzen. Odysseus indes, so erzählt es Homer, habe in einer Mischung aus Pragmatismus und aufgeklärter Vernunft seinen Männern die Ohren mit Wachs verstopft, sich selbst aber an den Mast seines Schiffes binden lassen und so das Wunder vollbracht, sich und seine Mannschaft sicher vor der tödlichen Verführung zu bewahren - ein Vorbild an männlicher Entschlusskraft und Widerstand gegen weibliche Verlockung.

          Nichts davon sei allerdings wahr, lässt der Entzauberer Kafka uns wissen, denn die vermeintliche Heldentat des Odysseus sei nichts anderes als eine grandiose Selbsttäuschung. In Kafkas Version des Mythos verklebt Odysseus sich selbst die Ohren, um sich gegen den verführerischen Gesang der Sirenen zu wappnen. In „unschuldiger Freude“ habe er diesem unwirksamen „Mittelchen“ vertraut, weiß sein Erzähler, der den Helden mit derselben freundlichen Nachsicht betrachtet, wie man etwa die anrührenden, ernsten Spiele unerfahrener Kinder beobachtet. Überlebt hat Odysseus die gefährliche Schiffspassage denn auch nur deshalb, weil die Sirenen, diese „gewaltigen Sängerinnen“, ausnahmsweise geschwiegen haben, als der Schiffsmann mit den lächerlichen Wachspfropfen in den Ohren an ihnen vorbeigefahren ist. Wie aber soll ein gehörloser Mensch wissen, ob es wirklich still um ihn ist oder ob nur er vor den verführerischen Stimmen bewahrt bleibt?

          Geburt des modernen Heldentums aus subjektiver Überzeugung

          Kafkas Odysseus, eingehüllt in das große, ungetrübte Bewusstsein seiner Einzigartigkeit und seines Heldentums, ist sich seiner Sache sicher: Allein die eigene Findigkeit ist es, die ihn vor der Gewalt der Sirenen bewahrt hat. Was Kafka uns hier also vorführt, ist die Geburt des modernen Heldentums aus subjektiver Überzeugung. Nicht der Wettbewerb mit anderen oder ein messbarer Rekord erschaffen den Helden, sondern seine Einmaligkeit entsteht allein in der Wahrnehmung seiner selbst. Auf dieser Einsicht beruht heute das Geschäftsprinzip einer expandierenden Trainer-Branche, die ihren Klienten unverdrossen zu vermitteln versucht, allein der Glaube an sich und die eigenen Kräfte sei der Schlüssel zu beruflichem, finanziellem und erotischem Erfolg. Aber taugt Kafka wirklich als Prophet des modernen Coaching, das aus Durchschnittstypen heldenhafte Manager und unwiderstehliche Liebhaber zu formen versucht?

          Als skeptischer Erzähler misstraut er vielmehr der Schlüssigkeit der eigenen Deutung des antiken Mythos und fügt seiner Geschichte über das Schweigen der Sirenen am Ende eine aufregende Überlegung an: Hat Odysseus vielleicht doch gemerkt, dass die Sirenen geschwiegen haben, und hat er trotzdem seine Rolle als Held vor den Gefährten und Göttern weitergespielt? Das wäre in der Tat eine Haltung, die ihn, „um es so auszudrücken“, zu einem außergewöhnlichen Menschen machte.

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