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Kafkas „Prozess“ in Marbach : Unergründliche Ordnung

Der verschlungene Weg zu einem Roman, von dem niemand weiß, wie Kafka ihn sich selbst vorgestellt hat: eine Seite aus dem in Marbach aufbewahrten Manuskript zum „Prozess“ Bild: DLA Marbach

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seitdem das Manuskript von Franz Kafkas „Prozess“ nach einer beispiellosen Sammelaktion für das Deutsche Literaturarchiv gerettet wurde. Jetzt zeigt Marbach erstmals alle 161 Blätter der Handschrift.

          Wir wissen fast nichts. Nicht, wann dieses Buch begonnen wurde, nicht, wie es hätte abgeschlossen werden sollen. Sein erster wie sein letzter Satz sind legendär, aber wie sicher können wir sein, dass es sich wirklich um den ersten und den letzten Satz handelt? Auch die Abfolge der Kapitel ist ungewiss, und ob sein Autor jemals einer Veröffentlichung zugestimmt hätte, scheint durchaus fraglich. Und doch ist „Der Prozess“ von Franz Kafka eines der berühmtesten Bücher der Literaturgeschichte. Wie ist das zu erklären, wenn es denn überhaupt zu erklären ist?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kafka arbeitete von August 1914, der Erste Weltkrieg war soeben ausgebrochen, bis Januar 1915 am „Prozess“. Er war aus der elterlichen Wohnung in Prag ausgezogen und ging seinem Brotberuf in der „Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt“ nach, die Auflösung der Verlobung mit Felice Bauer, deren entscheidende Momente er wie eine über ihn verhängte Gerichtsverhandlung empfinden sollte, stand bevor. Außer am „Prozess“, von dem immerhin 161 beidseitig beschriebene Manuskriptseiten vorliegen, arbeitete er in jener Zeit auch am „Verschollenen“ und an der „Strafkolonie“. Sein Arbeitstempo war also ungeheuer. Seine Arbeitsweise ist schlicht unglaublich.

          Der Schriftsteller im Krieg mit sich selbst

          Kafka benutzte zehn verschiedene, zumeist vierzig Blätter umfassende Schreibhefte im Quartformat, die ihm jedoch nicht nur als Manuskripthefte dienten, sondern auch Tagebucheinträge aufnahmen. Oft arbeitete er an mehreren Kapiteln gleichzeitig, schrieb kreuz und quer, drehte ein Heft um und beschrieb es von hinten nach vorne. Es gibt Hefte, in denen er an drei verschiedenen Texten zugleich gearbeitet hat. Ein Überblick war auf diese Weise unmöglich aufrecht zu erhalten. Wie schon beim „Verschollenen“ erlebt er die Arbeit am Roman als Niederlage: „Mein Roman! Ich erklärte mich vorgestern abend vollständig von ihm besiegt. Er läuft mir auseinander, ich kann ihn nicht mehr umfassen.“

          Während der Krieg voranschreitet und ihn „Traurigkeit über die österreichischen Niederlagen“ erfasst, wechselt er verzweifelt zwischen den Schauplätzen der eigenen Kämpfe, seinen Schlachtfeldern im Quartformat der Papierseiten: „Schluss eines Kapitels misslungen, ein anderes, schön begonnenes Kapitel werde ich kaum, oder vielmehr ganz bestimmt nicht so schön, weiterführen können, während es mir damals in der Nacht sicher gelungen wäre. Ich darf mich aber nicht verlassen, ich bin ganz allein.“ Ein zaghafter Versuch der Selbstdisziplinierung - „Für die Traurigkeit selbst ist außerhalb des Schreibens Zeit genug - wird schon im übernächsten Satz weggewischt: „Ich bin unfähig Sorgen zu tragen, und bin vielleicht dazu gemacht, an Sorgen zugrunde zu gehn“, notiert Kafka am 13. September 1914.

          Ein Manuskript und sein verworrener Weg

          Ein Jahr später veröffentlicht er einige Seiten aus dem unvollendeten „Prozess“-Manuskript unter dem Titel „Vor dem Gesetz“ in der jüdischen Wochenzeitschrift „Selbstwehr“. Im Jahr 1919 folgte die Publikation im Rahmen des Sammelbandes „Ein Landarzt“. Ein Jahr später nimmt Kafka Abschied vom „Prozess“: Aber er vernichtet das Manuskript nicht, sondern macht es Max Brod zum Geschenk, dem Freund, der er wenig später den Auftrag erteilen wird, alle seine Schriften zu vernichten. Doch Brod gibt das von ihm energisch bearbeitete Romanfragment bereits 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod, heraus, erweiterte Ausgaben folgen 1935 und 1946.

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