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Somuncu und Schroeder beim RBB : Rollenprosa

Serdar Somuncu, hier vor zwei Jahren im Theater Konstanz während einer Pressekonferenz. Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) läuft der Podcast, den er gemeinsam mit Florian Schroeder bestreitet. Bild: dpa

Die Kabarettisten Florian Schroeder und Serdar Somuncu erklären sich zu dem Aufruhr um ihren Podcast beim RBB. Sie behaupten sich gegen die „revolutionären Beamten und Henker“, die nicht verstehen wollen, was die beiden da machen.

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          „Erst wenn alle gemein und niederträchtig über die Schwächen aller anderen herziehen, wenn alle wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, Heimat und Herkunft, ihres Glaubens, der religiösen und politischen Anschauungen und natürlich auch der körperlichen Gebrechen ausgelacht werden und keiner und keine ausgespart bleibt und wenn alle mitmachen - dann ist endlich Ruhe und Frieden. Und dann geht die Party erst los. Dann wird nicht mehr gejammert und gejault, sondern gelebt und gestorben und gefeiert. Da ist der Teufel los, und selbst die Götter schauen noch mal vorbei bei dieser Revolution, die keine revolutionären Beamten und Henker mehr braucht.“

          Von wem stammt diese Suada?

          Von Matthias Beltz, dem großen Kabarettisten, der 2002 gestorben ist.

          Wer hat es zitiert, mit Quellenverweis? Der Kabarettist Serdar Somuncu, der mit seinem Kompagnon Florian Schroeder, mit dem er gemeinsam einen Podcast für den Kanal Radioeins des Rundfunks Berlin-Brandenburg gestaltet, in einen Shitstorm geraten ist.

          Denn in ihrer ersten Sendung vor zwei Wochen hatten die beiden über Gott und die Welt gesprochen und sich – in ihren Rollen – genauso verhalten, wie es Matthias Beltz vorschwebte. Doch als sich Somuncu in denkbar drastisch-unflätiger Weise über die vermeintlichen sexuellen Nöte von Kolumnistinnen und Feministinnen ausließ, waren die „revolutionären Beamten und Henker“ wieder da.

          Ihnen genügte der erst Tage später getwitterte, zwei Minuten kurze Ausschnitt aus der mehr als drei Stunden langen Sendung, um zu wissen, dass Schroeder und Somuncu einen Frevel begangen hätten. Sie hatten sich mit den Falschen, nämlich den Bewohnern der scheinbar aufgeklärten Twitterblase angelegt, die von Rollenprosa, Kabarett und Matthias Beltz nichts wissen.

          Das brachte den RBB in arge Nöte, doch muss man sagen, dass der Sender und der Wellenchef Robert Skuppin die Sache halbwegs gemeistert haben. Sie nahmen den Podcast zwar zeitweilig vom Netz und kürzten ihn dann um die inkriminierten Minuten, entschuldigten sich bei allen, die sich beleidigt fühlten. Was schon zu viel des Guten war. Aber Skuppin verteidigte seine beiden Gladiatoren – nicht wegen ihrer Äußerungen, sondern der damit verbundenen Absicht.

          Zu der erklären sich Somuncu und Schroeder in der zweiten Ausgabe ihres Podcasts, der zwei Tage länger auf sich warten ließ als vorgesehen, in der hier zitierten Weise und machen weiter, wo sie aufgehört haben – mit Aufklärung, die weh tut, wenn man keinen Humor hat. Und wer Serdar Somuncu tatsächlich für einen Rassisten und Sexisten und nicht für einen zwar knallderb auftretenden, aber klugen, bewusst sprechenden Kabarettisten und Menschen hält, der hat ihm noch nie richtig zugehört.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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