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Architekten-Nachwuchs : Trau vielen unter vierzig

Für ihren souveränen Entwurf einer Schule in Simbabwe ist Kristina Egbers im Wettbewerb „max40“ des Bunds Deutscher ausgezeichnet worden. Bild: Kristina Egbers

Jüngere Architekten tun sich schwer, an interessante Aufträge zu kommen. Schuld sind unter anderem hohe Zugangshürden zu Wettbewerben. Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist zu sehen, wozu der Nachwuchs dennoch in der Lage ist.

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          Walter Gropius war achtundzwanzig, als er 1911 das Fagus-Werk in Alfeld entwarf. Ein gutes halbes Jahrhundert später hatten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg das Architekturstudium kaum abgeschlossen, als sie den Wettbewerb für den Flughafen Tegel gewannen. Die beiden Beispiele sind keine historischen Ausreißer von Ausnahmetalenten, sondern nur prominente Exempel für die Chancen, die sich jungen Architekten in Wettbewerben und bei aufgeschlossenen Bauherren hierzulande einst boten. Heute zählen Baumeister noch im Alter von vierzig Jahren zum Nachwuchs und tun sich schwer, mit größeren Projekten betraut zu werden, zumindest dann, wenn sie nicht im Angestelltenverhältnis in einem etablierten Büro mit bekanntem Namen arbeiten möchten, sondern in der Selbständigkeit glücklich werden wollen.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

          Um diese Mutigen zu fördern, ersann der hessische Landesverband des Bundes Deutscher Architekten im Jahr 2000 den Wettbewerb „max40“, der Name leitet sich vom Höchstalter der Teilnehmer her. Zwar zählen einige der damals prämierten Büros inzwischen zu den bekannteren Namen, aber an der prinzipiellen Unwucht zu Lasten der Newcomer hat sich wenig geändert. Das ist auch daran abzulesen, dass sich der BDA Hessen vor fünf Jahren mit vier anderen Landesverbänden zusammentat, um überhaupt eine nennenswerte Zahl von Bewerbungen zu erreichen. Inzwischen sind schon acht Verbände dabei, außer den Hessen jene aus Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die norddeutschen Kollegen haben sich inzwischen ihrerseits zusammengetan, die Altersgrenze aber bei fünfundvierzig Jahren gezogen, womit auch die Grenze zum unfreiwillig Komischen überschritten ist.

          Ernüchterndes Ergebnis

          Das Ergebnis der vierten Auflage des Wettbewerbs „max40“, das jetzt in Frankfurt per Livestream übertragen wurde, fällt ernüchternd aus. Prämiert wurden aus 74 Bewerbungen 22 Arbeiten. Im Volumen reichen sie von einer Bushaltestelle bis zu einer Grundschule, typologisch dominieren Einfamilienhäuser in der Provinz, sei es als Anbau oder als Neubau – zumeist der klassische erste Auftrag aus dem Familien- und Freundeskreis. Auch eine Kegelbahn im sächsischen Wülknitz wurde prämiert, ein solider Entwurf von Jan Keinath und Fabian Onneken. Die stärkste Arbeit ist ein Projekt, das bei strenger Auslegung der Regeln wohl außer Konkurrenz hätte antreten müssen: Die angestellte Architektin Kristina Egbers hat im Ehrenamt für die Hilfsorganisation Ingenieure ohne Grenzen ein Schulgebäude in Zimbabwe entworfen, das in Backstein ausgeführt wurde und mit seinem Rundbogenstil für sich einnimmt; der Einfluss von Egbers’ Stuttgarter Lehrer Arno Lederer ist hier souverän ins Afrikanische übersetzt.

          Leben lernen: Das sollen die Schüler, die das „Haus der Gemeinschaft“ des jungen Frankfurter Büros 05 Architekten in Pellenz am Mittelrhein nutzen.
          Leben lernen: Das sollen die Schüler, die das „Haus der Gemeinschaft“ des jungen Frankfurter Büros 05 Architekten in Pellenz am Mittelrhein nutzen. : Bild: Eibe Sönnecken

          Egbers ist eine von nur vier prämierten Frauen; im Teilnehmerfeld stellt sich das Geschlechterverhältnis nur etwas ausgeglichener dar, nämlich eins zu drei, was wiederum ziemlich genau dem Kräfteverhältnis unter den Inhabern und Partnern deutscher Büros entspricht. Und das, obwohl unter den Studenten die Frauen schon länger die Mehrheit bilden und sie auch in der Professorenschaft deutlich auf dem Vormarsch sind.

          Für Freunde der Diversität enttäuschend dürfte auch die – zumindest den Namen nach zu schließen – ziemlich homogene Zusammensetzung der Nachwuchsarchitekten hinsichtlich sozialer und ethnischer Herkunft sein. Es gibt ihn also auch im Nachwuchs noch, den typischen deutschen Architekten – ein weißer, männlicher Mittelschichtsspross ohne Migrationshintergrund, sofern man darunter nicht die reichlich vorhandenen Auslandserfahrungen verstehen möchte.

          Clash der Generationen

          Aber auch dieser in mancherlei Hinsicht privilegierte Typus tut sich eben immer schwerer, mit dem eigenen Büro durchzustarten. Die Gründe sind vielfältig. Die Teilnahmebedingungen für Wettbewerbe werden immer strenger: Zahl der Mitarbeiter, Mindestumsatz in den vorangegangenen Jahren, einschlägige Referenzprojekte sind nachzuweisen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um private oder öffentliche Auftraggeber handelt. Hinzu kommt eine Art Clash der Generationen, die sich in der Lebenseinstellung unterscheiden, wie Friederike Meyer im Katalog zur Ausstellung schön herausarbeitet.

          Hier die auf Sicherheit bedachten Auftraggeber, die an ihren eingespielten, vom Gesetzgeber immer weiter aufgeblähten Verfahren hängen, dort der idealistische, diskussionsfreudige und selbstbewusste Nachwuchs, oft noch mit einem Fuß in der akademischen Welt und ihrem Jargon. Dass die etablierten Büros wenig Interesse daran haben, etwas an der Situation zu ändern, versteht sich von selbst. Bei der Preisverleihung wurde die Hoffnung geäußert, dass der Trend zu Umbauten den jungen Büros nutzen könnte. Das darf man bezweifeln, sind doch gerade solche Projekte besonders komplex, weshalb die Bauherren erst recht auf erfahrene Architekten zurückgreifen. Es wäre ein Wunder, wenn die Ausstellung „max40“ im Jahr 2026 die Jugend auf dem Vormarsch sähe.

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