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Julia Kristeva unter Verdacht : Ist IM Sabina nur erfunden?

Kopien der mutmaßlichen IM-Akte Julia Kristevas, präsentiert vom Bulgarischen Geheimdienst Bild: AFP

Julia Kristeva hat die Spitzel-Vorwürfe gegen sie auf ihrer Homepage dementiert. Ihr Mann Philippe Sollers spricht von gefälschten Akten und vollführt einen rhetorischen Amoklauf.

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          Am Sonntagabend besuchte Philippe Sollers in Venedig eine Gedenkmesse für Papst Johannes Paul II., der bekanntlich ein Attentat überlebt hatte, hinter dem der sowjetische, der bulgarische Geheimdienst und die Stasi vermutet wurden. Am Montag brach Sollers auf der Homepage von Bernard-Henri Lévys Zeitschrift „La Règle du Jeu“ sein Schweigen zu den Vorwürfen, seine Gattin Julia Kristeva habe für den bulgarischen Gemeindienst aus Paris berichtet. Für Sollers handelt es sich bei dem Dossier der Agentin „Sabina“ um eine Fälschung, er schreibt von „erfundenen Archiven“.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Ausgerechnet „Le Monde“ und „L’Obs“, deren ständiger Mitarbeiter Sollers war, haben den „Falschinformationen“ viel Raum gegeben. Sollers’ Gegenangriff erweckt den Eindruck, als kämpfe ein Don Quichotte gegen eine Verschwörungstheorie: Der sowjetische und der bulgarische und der französische Geheimdienst Hand in Hand mit der kommunistischen Presse und der linken Öffentlichkeit unter der Fuchtel von Putin. Hat nicht „Le Monde“ auf der gleichen Seite über die „Affäre Kristeva“ – die Sollers in Anführungszeichen setzt – und den Giftanschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal berichtet? Ist nicht der „gescheiterte Schriftsteller“ Fabrice Pliskin, der in „L’Obs“ Sollers’ literarisches Werk – in dem es von Geheimagenten wimmelt – zum Produkt von Julia Kristevas Spionage verklärt, der Enkel eines „Sowjetologen“?

          Sollers bezeichnet ihn als „geistig Behinderten“. Das Resultat all der Machenschaften sei „ein populistisch faschistisches Festival“, gegen das immerhin „mutige Demokraten in Bulgarien“ protestierten. Julia Kristeva hat auf ihrer Internetseite die Vorwürfe zweimal dementiert, „Kolporteuren“ der Vorwürfe droht sie mit dem Anwalt. Sollers’ rhetorischer Amoklauf schwächt die Verteidigung und zeugt von der Verzweiflung der Angeklagten, mit denen sich seit zwei Wochen kein französischer Intellektueller solidarisiert hat. Nur die in Berlin lebende Historikerin Sonia Combe, Autorin eines Buchs über die Stasi, verweist auf die Unschuldsvermutung und mahnt zu Zurückhaltung: Archive, schreibt Combe in „Le Monde“, könnten auch eine „Quelle der Desinformation“ sein.

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