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Pamphlet über die Filmbranche : Der Ekel

Dieser setzt seinen Darsteller, an dem ihn vor allem die Nasenlöcher stören, daraufhin an die frische Luft („Held hatte winzige Nasenlöcher. Konnte er überhaupt atmen? Die kleinen Nasenlöcher hatten etwas Piefiges, Spießiges, das auf Engherzigkeit und Kleingeistigkeit schließen ließ“). Und bleibt mit einer Hauptdarstellerin zurück, der angeblich egal ist, wer „unter ihr spielt“, sie könne notfalls auch gegen eine Wand spielen, wozu es aber nicht kommt. Stattdessen kriegt sie einen hysterischen Anfall: „Sie riss sich los, warf sich auf den Boden, heulte und beschimpfte ihn. Er sei ein Monster: Ein Monster! Dabei spuckte sie. Schließlich verbiss sie sich in den Teppich, den sie gleichzeitig mit ihren Klauen bearbeitete. Er sah dem Schauspiel selbstvergessen zu, so fasziniert war er davon“.

Beim „großen Produzenten“ denkt man gleich: Eichinger

Mit der Geringschätzung verbindet sich aber kein Gefühl der Überlegenheit. In der gleichen Weise, in der er die anderen verachtet, verachtet er auch sich selbst und geht mit sich ebenso hart ins Gericht. Er bewundert die Filmregisseure John Waters, Jon Jost und Richard Kern, „krasse Typen“, die, wie ihm einfällt, allerdings wirklich gegen das Establishment waren und deshalb ihre Filme selbst finanzierten, während er Fördergelder kassiert und sich ein gemütliches Leben finanziert: „Er war ein Heuchler, und seine großen Vorbilder hätten ihn ausgelacht.“ Er lässt die „Figuren der Branche“ (in einem der „großen Produzenten des Landes“ deutlich zu erkennen: Bernd Eichinger) auftreten – und ist selbst nur eine lächerliche Figur, einer von ihnen.

Um die eigene innere Leere zu kompensieren, geht er ins Bordell. Und zwar obsessiv und ständig. Der Roman ist voller solcher Bordellszenen (am Ende hat man das Gefühl, sich in den einschlägigen Etablissements in Berlin-Charlottenburg ganz gut auszukennen), die in detaillierten Schilderungen die ganze Trostlosigkeit eines verzweifelt um sein Leben Rammelnden und eigentlich doch durch nichts zu befriedigenden Egoshooters vorführen. Denn Roehlers Gregor Samsa interessiert sich allein für sich selbst, für niemanden sonst. Die manische Erzählung von „Selbstverfickung“, darin ist der Titel des Buchs absolut treffend, ist eine total solipsistische Angelegenheit, die dem Autor nur dort aus dem Ruder läuft, wo er offenbar glaubt, noch mal dicker auftragen zu müssen, damit nicht nur der Ekel seines Protagonisten, sondern auch sein Protagonist als Ekel klar vor Augen steht. Das gilt vor allem für seine rassistischen Ausfälle zu Beginn des Romans, die einen beim Lesen beinahe gleich aus dem Buch werfen. Sie wirken so, als hätte der Autor sich hier mit bewusst aggressiver politischer Inkorrektheit erst mal in eine böse Stimmung bringen wollen; wie eine Pose, dabei sind sie völlig unnötig, weil sie mit dem weiteren Verlauf dann eigentlich kaum noch etwas zu tun haben.

Am Ende von „Selbstverfickung“ zieht sich Gregor Samsa mit seiner Tochter in sein Haus in Sizilien zurück, verwandelt sich zwar nicht in einen Käfer, kann aber vor Weltekel nur noch krabbeln und kriechen und sagt: „Wuff, wuff.“ Die Tochter, das ist die einzig Unversehrte in diesem Roman, die Möglichkeit einer Liebe. Jenseits von ihr liegt mit dem Protagonisten alles im Dreck. Auch „Herkunft“ und „Mein Leben als Affenarsch“ erzählten schon vom Dreck und der Verzweiflung. Der neue Roman ist exzessiver in seiner Negativität und manchmal blind in seiner Wut. Das ist nicht schön, man muss für den Dreck schon etwas übrig haben. Aber wer sagt denn, dass Literatur unbedingt schön sein muss.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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