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Pamphlet über die Filmbranche : Der Ekel

„Selbstverfickung“ ist ein einziger großer Wutanfall: Oskar Roehler

Und das ist jetzt anders. „Selbstverfickung“ heißt der neue Roman, immer noch lassen sich autobiographische Versatzstücke erkennen (diesmal geht es um einen Filmregisseur). Doch wird keine extreme Geschichte mehr erzählt. Es wird eigentlich gar keine Geschichte erzählt: „Was hatte er gestern Abend getan? Diese Frage sei erlaubt, lieber Leser, da es in dieser Geschichte nicht darauf ankommt, die Handlung voranzutreiben. Denn es gibt keine Handlung, zumindest keine äußere.“ Roehlers Roman ist ein Pamphlet, obszön, hart und direkt. Knapp sechzig ist der abgehalfterte Berliner Regisseur, der sich seinen Namen Gregor Samsa aus Kafkas „Verwandlung“ ausgeliehen hat. Er ist angewidert von der Filmbranche, die ihn groß gemacht und ernährt hat und die er nun verachtet: die Verlogenheit der Filmleute, ihre Oberflächlichkeit, ihre Unterwerfungslust, die große innere Leere. Er hasst das alles. Er kann es nicht mehr ertragen und lässt seiner Wut in einer allein von Bordellbesuchen und KaDeWe- oder Galerie-Lafayette-Einkäufen unterbrochenen Schimpftirade freien Lauf. Er erleichtert sich, ohne dabei Erleichterung zu finden.

Es gehört zur Geschichte dieses Buchs, dass der Ullstein-Verlag, in dem es jetzt erschienen ist und der auch Roehlers erste Bücher verlegt hat, es erst nicht haben wollte. Der Autor hatte sein Manuskript fertig, die Verlegerin kam mit Einwänden, Roehler, auch darin ist er gut, überwarf sich mit ihr, bot es anderen Verlagen an. Die allermeisten waren zurückhaltend, und jene, die wollten, wollte er dann nicht, bis er sich mit Ullstein versöhnte und ins Lektorat einwilligte. Das alles mag einiges über den hypersensiblen Charakter des Autors verraten. Aber es verrät auch etwas über die Verlagswelt. „Selbstverfickung“ ist das Gegenteil eines gefälligen Buchs; nichts darin ist schön, das allermeiste dagegen schmutzig. Und schmutzig machen wollen sich die meisten offenbar lieber nicht. Da verlegen sie lieber irgendwas aus dem Nachlass von Charles Bukowski oder von Hunter S. Thompson. Das ist auf jeden Fall eine sichere Sache.

Die Nasenlöcher des Schauspielers stören!

Dabei ist „Selbstverfickung“ dort, wo es um die Filmwelt geht – es sind die besten Passagen des Buchs –, in seiner Überdrehtheit und eher lustvollen als kalten Wut vor allem auch lustig: „Wenn er morgens ans Set kam, schleppten die Arbeitssklaven der Lichtabteilung mit ihren übermüdeten Gesichtern all den schweren Kram heran, den der miese Darsteller brauchte, um in ein gutes Licht gesetzt zu werden“, heißt es da. Und es folgt die Szene dieses Schauspielers namens Held, der bei der Probe eigentlich nur einen kleinen Nebensatz zu sagen hat. Er soll die Schwiegermutter fragen, wo die Küche ist. Der genaue Satz lautet: „Wo ist die Küche?“ Der Schauspieler jedoch fängt gleich damit an, dass er nicht wisse, wie er diesen Satz sprechen solle, leise oder laut, aggressiv oder verhalten. Das Drehbuch gebe hier keinen Anhaltspunkt. „Held suchte offenbar wieder den kleinsten Anlass, sich aufzuspielen und ,den Regisseur herauszufordern‘.“

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„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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