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Jugendstrafrecht : Tottreter

Angriff in der U-Bahn Bild: Thilo Rothacker

München ist auch andernorts. Bei einem Prozess in Berlin behaupteten jetzt Schläger, sie hätten nicht geahnt, wie gefährlich Tritte gegen den Kopf sind. Damit entledigten sie sich des Tötungsvorsatzes. Eine neue Studie aber widerspricht dieser Voraussetzung vieler Urteile.

          6 Min.

          Es ist eine eiskalte Winternacht, kurz vor dem Jahreswechsel. Der U-Bahnhof Haselhorst ist fast menschenleer, nur ein Mann befindet sich noch auf dem Bahnsteig. Dann tauchen vier Jugendliche auf, die Kapuzen über den Kopf gezogen, und fallen über den Mann her. Sie schlagen ihn ins Gesicht, der verletzte Mann versucht wegzugehen, sagt, sie sollen ihn einfach in Ruhe lassen. Sie holen ihn ein, stoßen ihn die Treppe herunter und treten gegen seinen Kopf, gegen den Oberkörper, immer wieder, bis er sich nicht mehr rührt. Zum Schluss knallt einer der Jungen eine Wodkaflasche auf den Kopf des Mannes. Sie zertrümmert die Schädeldecke. Splitter fallen ins Schädelinnere, verursachen eine Gehirnblutung. Die vier Jungen verschwinden einfach. Was mit ihrem Opfer ist, ob tot oder gerade noch am Leben, interessiert sie nicht.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Polizei veröffentlicht später diese Videosequenz einer Überwachungskamera. Es ist nicht die einzige aus dieser Nacht, die brutale Übergriffe der vier Schläger aufgezeichnet hat. Aber es ist die schlimmste. Der blutende Mann versucht, als er kurz das Bewusstsein wiedererlangt, seine Frau anzurufen. Sie versteht ihn kaum, beginnt ihn zu suchen, findet ihn schließlich und ruft die Feuerwehr. Der Mann wird stundenlang operiert, zur offenen Schädelfraktur und der Gehirnblutung kommen noch schwere Prellungen am und im Körper, der linke Arm ist zertrümmert. Er braucht Monate, um wieder ein halbwegs normales Leben beginnen zu können.

          Eine Katastrophe unter Hunderten

          Am zweiten Verhandlungstag erzählt er vor dem Berliner Landgericht die Geschichte dieser Nacht und was aus ihm, seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern seitdem geworden ist. Er war so froh, als er wieder arbeiten gehen konnte, und er wollte vor allem für seine Töchter wieder der starke, unbesiegbare Vater sein. Ein Rückschlag trifft ihn sehr, ein schwerer epileptischer Anfall kündigt schlimmere Spätfolgen seiner Tortur an, als er sich vorstellen wollte. Er hat Sprachstörungen, darf nicht mehr Auto fahren, obwohl er ohne Auto seinen Arbeitsplatz eigentlich kaum erreichen kann, U-Bahn fahren will er nicht. Er sagt, er habe Angst, dort wieder einen Anfall zu haben, die andere Furcht bleibt unausgesprochen. Die Töchter müssen nun lernen, was zu tun ist, wenn der Vater plötzlich zusammenbricht. Es ist ein langer Bericht, der nur manchmal, wenn er ins Stocken gerät, vom behutsamen Nachfragen des Vorsitzenden Richters unterbrochen wird. Dass die Qualen eines Opfers so im Mittelpunkt stehen, ist nicht Standard in deutschen Gerichtssälen. Dann sollen, auf Bitten ihrer Anwälte, die vier Angeklagten etwas sagen. Stotternd murmeln sie auswendig gelernte Entschuldigungen. Die Mütter der Angeklagten weinen dabei immer lauter, eine gebärdet sich, wie sie es wohl aus Fernsehgerichten kennt.

          Kerzen und Blumen für den zu Tode geprügelten Fahrgast Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln
          Kerzen und Blumen für den zu Tode geprügelten Fahrgast Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln : Bild: ddp

          Keiner der Schläger hat eine nette, normale Kindheit erlebt, keiner die Schule ohne Probleme absolviert. Einer spielt immerhin Fußball, was nahelegt, dass er weiß, was gezielte Fußtritte auszurichten vermögen. Alle haben ein umfängliches Vorstrafenregister, auch von eingestellten Verfahren wegen Körperverletzung ist die Rede. Sie haben sogenannte Anti-Gewalt-Trainings absolviert, was sie dort gelernt haben und ob man dabei überhaupt etwas lernen kann, steht in Frage. Es ist eine Katastrophe unter Hunderten, die sich immer wieder im gleichen Milieu abspielen, nicht nur in Berlin. Und wie ebenfalls fast immer behaupten auch diese jugendlichen Täter, keine Ahnung davon gehabt zu haben, was sie anrichten. Was natürlich nicht stimmt. Aber es ist eine Schutzbehauptung, die viele Urteile beeinflusst, zugunsten der Täter, zum Schaden der Opfer.

          Tottreten – eine Untersuchung

          Wegen des Münchner Falles, bei dem ein Mann am helllichten Tag auf einem nicht einmal menschenleeren Bahnsteig totgetreten wurde, gerät auch dieser in die Diskussion um härtere Strafen gegen junge Wiederholungstäter und darüber, warum so etwas trotz vermeintlich sinkender Jugendkriminalität immer wieder passiert. Doch weder der absurde Streit um zehn oder fünfzehn Jahre als Höchststrafe noch die Zahlen, mit denen Politiker und einige Kriminologen die Öffentlichkeit zu beschwichtigen suchen, treffen das Phänomen, mit dem wir es immer häufiger zu tun haben: Gewalt um der Gewalt willen. Die Täter sind überdurchschnittlich häufig noch im Jugendalter, die Opfer jedoch sind meist älter als ihre Peiniger.

          Der Bremer Jurist Daniel Heinke hat für seine Dissertation „Tottreten - eine kriminalwissenschaftliche Untersuchung von Angriffen durch Fußtritte gegen Kopf und Thorax“ auch Statistiken überprüft und erst einmal ein definitorisches Wirrwarr in verschiedenen Disziplinen feststellen müssen. Auch stellte er fest, dass die Summe von Taten der „Gewaltkriminalität“ der polizeilichen Kriminalstatistik die Körperverletzungen nach Paragraph 223 StGB nicht enthält, obwohl sie das quantitativ bedeutendste Delikt der Gewalt gegen Menschen sind. Er fasste die Zahlen zur Gewaltkriminalität (Mord, Vergewaltigung, Erpressung, gefährliche Körperverletzung u. a.) und die vorsätzlichen Körperverletzungen zusammen: Innerhalb von zehn Jahren nahmen sie um vierzig Prozent zu, gesondert für sich, nahmen die Körperverletzungen sogar um über sechzig Prozent zu.

          Trügerische Statistik

          Die angeblich zurückgegangene Jugendkriminalität wiederum berücksichtigt nur angezeigte Fälle, nicht aber den demographischen Faktor. Allein in Berlin ist die Zahl der Schüler in den letzten Jahren um vierzigtausend gesunken - erheblich weniger Jugendliche begehen also noch immer fast genauso viele Straftaten. Opferbefragungen unter Schülern wollen uns zudem weismachen, dass trotz der gestiegenen Zahl registrierter Gewalttaten sich alles zum Besseren wende. Da die Statistik der Opfer aber ausweist, dass diese über alle Altersgruppen verteilt sind, das Dunkelfeld erwachsener Opfer aber nie untersucht wurde, ist jene Vermutung das Papier nicht wert, auf dem sie leider steht. Heinke weist nach, dass der Anteil junger Schläger, fast alle männlich, überdeutlich höher ist als deren Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die Unsicherheit im öffentlichen Raum, über die gerade jetzt wieder heftig gestritten wird, ist also keineswegs nur irrationale „gefühlte Unsicherheit“. Im wirklichen Leben, möchte man sagen, geht es viel schlimmer zu.

          Heinkes Arbeit an der Universität Bremen aber hat einen ganz anderen Schwerpunkt: die furchtbaren Folgen von Fußtritten gegen den Kopf und den Körper der Opfer. Wenn das Opfer stirbt, ist die Rechtslage noch einigermaßen übersichtlich. Aber die Brutalisierung gerade junger Schläger hat immer häufiger schwerste Folgen, sie macht die Opfer lebenslang schwer krank, sie werden Pflegefälle, sind geistig und/oder körperlich schwer behindert. Doch nehmen viele Gerichte die Behauptung junger Täter, sie hätten nicht geahnt, was passiert, wenn man auf einem Menschen herumtrampelt, zum Anlass, sie viel milder zu verurteilen, als es die lebensgefährdende Tat verlangt. Sie sind dazu durch höchstrichterliche Urteile angehalten, weil diese die sogenannte „Hemmschwelle“ auch für einen bedingten Tötungsvorsatz sehr hoch legen.

          Eine vermeintliche Ahnungslosigkeit

          Zu hoch, sagt Heinke, der als Staatsanwalt viele solcher Fälle kannte. Zudem sei diese Theorie überhaupt nicht empirisch untermauert, sondern werde lediglich angenommen. Er hat rechtsmedizinische und psychiatrische Gutachten, die Fachliteratur und viele Fälle ausgewertet. Sein Fazit: Tritte gegen den Kopf, aber in aller Regel auch gegen den Oberkörper sind, wenn sie mit einiger Wucht ausgeführt werden, lebensgefährlich. Ob der Täter dabei schwere Schuhe trägt oder barfuß tritt, ist egal. Das ergaben die Untersuchungen von entsprechenden Verletzungen.

          Und Heinke hat, weil die vermeintliche Ahnungslosigkeit mittlerweile als allgemeine Erfahrung gedeutet wird, fast neunhundert Rekruten dazu befragt. Das Ergebnis ist nur verblüffend, wenn man glauben will, dass brutale Schläger wie die Berliner oder Münchner tatsächlich ahnungslos sind. Die Soldaten waren alle erst drei Wochen bei der Bundeswehr, hatten häufiger Abitur als Realschulabschlüsse oder den der Hauptschule. Die Befragung ergab, dass neunzig Prozent der Befragten Fußtritte gegen den Kopf als lebensgefährlich einschätzten, der Rest immerhin als sehr gefährlich. Dass Abiturienten nur geringfügig anders urteilten als geringer Qualifizierte in fast allen Fragen, ist besonders interessant, weil die meisten tatverdächtigen Schläger keine Schulabschlüsse haben oder Hauptschüler waren. Etwa ein Drittel der Befragten erwarteten nach Fußtritten gegen den Kopf eines am Boden liegenden Opfers dessen Tod oder lebensbedrohliche Verletzungen. Man darf also voraussetzen, dass die meisten Menschen sich über die Folgen derart brutaler Misshandlungen im Klaren sind. Wer das tut, so sollte für die Täter gelten, begeht seine Tat vorsätzlich.

          Was sind denn das für Gesetze?

          Als der zweite Verhandlungstag gegen die U-Bahn-Schläger in Berlin-Moabit zu Ende geht, leeren sich auch auf anderen Gerichtsfluren die Säle. Man sieht es den muskelbepackten Männern an, wie ihre Prozesse ausgegangen ist. Zwei Hünen mit hoch ausrasierten Nacken, denen gerade ihr Urteil verkündet worden war, klatschen zufrieden die Hände aneinander. Wieder mal ein knappes Jahr auf Bewährung. Und so schnell, wie das gegangen ist! Eine junge Frau, sie war Zeugin, schreit empört: „Was sind denn das für Gesetze?“, ihr Freund meint nur, er habe es ihr gleich gesagt, so was regelt man selbst. Sie aber ist das große Risiko eingegangen, die in ihrem Viertel und der Justiz gut bekannten Schläger zu identifizieren. Am Ende des Ganges verschwindet eine schmale Gestalt, krumme Schultern, Kopf gesenkt. Das ist das Opfer. Der Junge ist gerade siebzehn geworden; seit er die Fußtritte der Hünen dank der Kunst der Ärzte überlebt hat, verursacht ihm die Metallplatte in seinem Kopf unerträgliche Schmerzen. Sein Selbstwertgefühl, sagt die Zeugin, sei sowieso am Boden, und jetzt erst recht.

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