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Jugendstrafrecht : Tottreter

Angriff in der U-Bahn Bild: Thilo Rothacker

München ist auch andernorts. Bei einem Prozess in Berlin behaupteten jetzt Schläger, sie hätten nicht geahnt, wie gefährlich Tritte gegen den Kopf sind. Damit entledigten sie sich des Tötungsvorsatzes. Eine neue Studie aber widerspricht dieser Voraussetzung vieler Urteile.

          Es ist eine eiskalte Winternacht, kurz vor dem Jahreswechsel. Der U-Bahnhof Haselhorst ist fast menschenleer, nur ein Mann befindet sich noch auf dem Bahnsteig. Dann tauchen vier Jugendliche auf, die Kapuzen über den Kopf gezogen, und fallen über den Mann her. Sie schlagen ihn ins Gesicht, der verletzte Mann versucht wegzugehen, sagt, sie sollen ihn einfach in Ruhe lassen. Sie holen ihn ein, stoßen ihn die Treppe herunter und treten gegen seinen Kopf, gegen den Oberkörper, immer wieder, bis er sich nicht mehr rührt. Zum Schluss knallt einer der Jungen eine Wodkaflasche auf den Kopf des Mannes. Sie zertrümmert die Schädeldecke. Splitter fallen ins Schädelinnere, verursachen eine Gehirnblutung. Die vier Jungen verschwinden einfach. Was mit ihrem Opfer ist, ob tot oder gerade noch am Leben, interessiert sie nicht.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die Polizei veröffentlicht später diese Videosequenz einer Überwachungskamera. Es ist nicht die einzige aus dieser Nacht, die brutale Übergriffe der vier Schläger aufgezeichnet hat. Aber es ist die schlimmste. Der blutende Mann versucht, als er kurz das Bewusstsein wiedererlangt, seine Frau anzurufen. Sie versteht ihn kaum, beginnt ihn zu suchen, findet ihn schließlich und ruft die Feuerwehr. Der Mann wird stundenlang operiert, zur offenen Schädelfraktur und der Gehirnblutung kommen noch schwere Prellungen am und im Körper, der linke Arm ist zertrümmert. Er braucht Monate, um wieder ein halbwegs normales Leben beginnen zu können.

          Eine Katastrophe unter Hunderten

          Am zweiten Verhandlungstag erzählt er vor dem Berliner Landgericht die Geschichte dieser Nacht und was aus ihm, seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern seitdem geworden ist. Er war so froh, als er wieder arbeiten gehen konnte, und er wollte vor allem für seine Töchter wieder der starke, unbesiegbare Vater sein. Ein Rückschlag trifft ihn sehr, ein schwerer epileptischer Anfall kündigt schlimmere Spätfolgen seiner Tortur an, als er sich vorstellen wollte. Er hat Sprachstörungen, darf nicht mehr Auto fahren, obwohl er ohne Auto seinen Arbeitsplatz eigentlich kaum erreichen kann, U-Bahn fahren will er nicht. Er sagt, er habe Angst, dort wieder einen Anfall zu haben, die andere Furcht bleibt unausgesprochen. Die Töchter müssen nun lernen, was zu tun ist, wenn der Vater plötzlich zusammenbricht. Es ist ein langer Bericht, der nur manchmal, wenn er ins Stocken gerät, vom behutsamen Nachfragen des Vorsitzenden Richters unterbrochen wird. Dass die Qualen eines Opfers so im Mittelpunkt stehen, ist nicht Standard in deutschen Gerichtssälen. Dann sollen, auf Bitten ihrer Anwälte, die vier Angeklagten etwas sagen. Stotternd murmeln sie auswendig gelernte Entschuldigungen. Die Mütter der Angeklagten weinen dabei immer lauter, eine gebärdet sich, wie sie es wohl aus Fernsehgerichten kennt.

          Kerzen und Blumen für den zu Tode geprügelten Fahrgast Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln

          Keiner der Schläger hat eine nette, normale Kindheit erlebt, keiner die Schule ohne Probleme absolviert. Einer spielt immerhin Fußball, was nahelegt, dass er weiß, was gezielte Fußtritte auszurichten vermögen. Alle haben ein umfängliches Vorstrafenregister, auch von eingestellten Verfahren wegen Körperverletzung ist die Rede. Sie haben sogenannte Anti-Gewalt-Trainings absolviert, was sie dort gelernt haben und ob man dabei überhaupt etwas lernen kann, steht in Frage. Es ist eine Katastrophe unter Hunderten, die sich immer wieder im gleichen Milieu abspielen, nicht nur in Berlin. Und wie ebenfalls fast immer behaupten auch diese jugendlichen Täter, keine Ahnung davon gehabt zu haben, was sie anrichten. Was natürlich nicht stimmt. Aber es ist eine Schutzbehauptung, die viele Urteile beeinflusst, zugunsten der Täter, zum Schaden der Opfer.

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