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Jugendsprache : Krass war gestern, es lebe das Epos!

  • -Aktualisiert am

Aus einem Wolrd of Warcraft-Blog: „Es war ein epischer Fight“ Bild: dapd

Die Jugendsprache kennt ein neues und zugleich uraltes Wort: „episch“. Es stammt aus den Welten der Fantasy-Computerspiele. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist jedoch kaum einem User bekannt.

          Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht aus dem quirligen Sprachgeschehen. Die schlechte zuerst: „Geil“ hat sich weiter oben gehalten, zuletzt im Gebrauch unserer olympischen Spitzenathleten. Der Versuch allerdings, „geil“ durch Intensivpartikel wie „absolut“, „extra“, „megaaffen-“ oder „super-“ zu steigern, weist schon auf eine Schwächung des Kernwortes hin. Der Titel und der Refrain von „Leider geil“, dem aktuellen Hit der Truppe „Deichkind“, scheinen in dieselbe Richtung zu gehen: Natürlich meinen die Jungs das anders, aber die gebetsmühlenhaft repetierte Titelzeile wirkt bald selbstbezüglich und kann durchaus wie ein Enttäuschtsein über die Unzulänglichkeit des in die Jahre gekommenen Modewortes verstanden werden. Wir sprechen von 25 bis 30 Jahren!

          Man hat sich immer gefragt, was nach „geil“ kommt. „Schwul“ lautete ein anfangs unwahrscheinlicher Vorschlag, aber „schwul“ erfreut sich, nicht zuletzt dank Unterstützung durch das Turk-Deutsch, stabiler Beliebtheit. Es hat sich aber mehrheitlich als abwertend durchgesetzt, ist also in diesem Sinne keine echte Konkurrenz zu „geil“. „Cool“ hat dagegen eine große Karriere gemacht, ist jedoch nicht so „derb“ und „krass“ (gerne auch „endkrass“) wie „geil“, womit zwei weitere Mitbewerber genannt sind, die als Kraftausdrücke zum Starckdeutschen gehören, wie Matthias Koeppel einmal seine echt deutsche Kunstsprache genannt hat. Derb, krass, schwul steigern zwar, aber sie sind nicht wie „geil“ in seinen besten Tagen superlativistisch gut, sie sind nicht ein Elativ in Positivform, um es einmal wissenschaftlich zu sagen.

          Der Durchbruch kam mit „epic fail“

          Nun stelle man sich vor, einer unserer Olympioniken hätte den Gewinn der Goldmedaille mit dem Ausruf „Episch!“ gefeiert. Wäre das nicht einem hieros gamos gleichgekommen, einer heiligen Hochzeit von klassisch und „Klasse!“? Ein solcher Sieger hätte noch nicht einmal „absolut episch“ oder „megaepisch“ sagen müssen, denn „episch“ ist noch ziemlich unverbraucht, hat allerdings im Wettbewerb um das angesagteste Jugendwort letztes Jahr schon den zweiten Preis gewonnen, dies jedoch in der Kombination „epic fail“, was so viel wie totaler Fehlschlag bedeutet.

          So weit die gute Nachricht. Endlich eine Alternative, vielleicht sogar eine, die sich in Akademia gegen das längst nicht mehr erträgliche „spannend“ durchsetzt. Ein native speaker der Jugendsprache übersetzt „episch“ heute mit „geil, supertoll, hammer, fantastisch, krass, cool“. Und eine repräsentative Umfrage (n=1, 12 Jahre) ergab, dass dabei so etwas wie die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nicht gewusst wird - darin unterscheidet sich „episch“ von „geil“ nur graduell, denn um bei „geil“ zur Grundbedeutung zurückzukehren, wird man in der Regel heute die neue Vokabel „notgeil“ benutzen müssen.

          Bei „schwul“ funktioniert der Rückschluss sehr viel leichter, was ja dem modischen Gebrauch des Wortes durchaus Kritik eingetragen hat. Also: Homer, Vergil, Ariost müssen nicht assoziiert werden, wenn einer „episch“ sagt. Es ist kein Wort aus der Jugendhochsprache, sollte es diese überhaupt geben. Wenn es an Gymnasien vorkommt, was es tut, aber keineswegs nur, dann ist es von Schule und Griechenland epochal weit entfernt, um auf eine verschlungene Art wieder zu ihnen zurückzukehren.

          Die Gamer führten den Begriff in die Jugendsprache ein

          „Episch“ ist eine Übertragung des Englischen „epic“, was keine großen Schwierigkeiten bereitet haben dürfte, was aber nichts erklärt. In älteren Wörterbüchern ist „epic“ gleichbedeutend mit „episch“, heute steht dort: „geil, unglaublich, super“. How come? „Epic“ hat seine zweite Karriere in der hochentwickelten und stark englisch geprägten Fachsprache der Gamer-Szene begonnen. Seit 1991 existiert die US-Firma Epic Games, eines der weltweit führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Computerspiele. Epic ist ein Fachbegriff des Soft-ware-Engineering. Epic nennen sich die Folgen der koreanischen Rappelz-Computerspiele, die derzeit bei Epic 7 angelangt sind und zu den Download-Favoriten weltweit gehören.

          Aber selbst in der immer kleiner werdenden Welt des Analogen hat sich der Begriff durchgesetzt: Epic heißt auch eine Serie von Tabletop-Spielen. Offenbar ist das Wort nicht geschützt. Irgendein User Zero, eine Clique vielleicht, wird irgendwann einmal begonnen haben, das Spiel, das sie gerade spielten, „epic“ zu nennen, um ihrer Faszination Ausdruck zu verleihen und nicht eine bestimmte Marke oder Art des Spiels zu meinen. Im Blog eines bei „World of Warcraft“ (WoW) engagierten Rollenspielers lesen wir: „Es war ein epischer Fight, aber nach zahlreichen Tries kann auch der gelungenste Encounter episch nervig sein.“ Hier geht in einem Satz der Sprecher vom Fachjargon in die Jugendsprache über.

          Einem simplen Verständnis nach bedeutet „episch“: lang, sehr lang. Länger, als WoW dauert, hat ein Barde nie gesungen. Weil tendenziell endlos, wird letzteres Spiel auch als suchtgefährdend eingestuft und dringend anempfohlen, es erst ab 18 zuzulassen. Aber „epischer Fight“ bleibt auch deshalb am alten Wortgehalt dran, weil die Rollenspiele eine Weiterführung des Formats sind, das Vergil mit den ersten drei Worten seines Epos umriss: „Arma virumque cano“, „ich singe den Mann (den Helden, den Krieger) und die Waffen (den Kampf)“, wobei in den Computerspielen die Funktion des Einzelkämpfers durch Völker, Klassen oder Rassen ersetzt wird: „Arma populosque cano“.

          Epische Länge heißt auch epische Breite des Personals - Epic Games und Blizzard Entertainment, die Marktführer, operieren nicht umsonst von den Vereinigten Staaten aus, wo alles Fahrenheit ist, wie Paul Tillich einmal so schön sagte. Wir sprechen also von „Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspielen“. Das mit den Massen beginnt schon bei der Zahl der Rollen: „Alle Spieler müssen sich für eine der beiden Fraktionen ‚Allianz‘ oder ‚Horde‘ entscheiden.  Von ihrer Wahl ist es abhängig, auf welcher Seite sie kämpfen, welche Völker sie wählen können, und eine Menge mehr.

          Auf Seiten der Allianz kann man sich für Menschen, Nachtelfen, Zwerge, Gnome, Draenei oder Worgen entscheiden; bei der Horde stehen Orcs, Tauren, Untote, Trolle, Blutelfen und Goblins zur Wahl. Insgesamt stehen zehn Klassen zur Verfügung: Druide, Hexenmeister, Jäger, Krieger, Magier, Paladin, Priester, Schamane, Schurke und Todesritter.“ So Wikipedia über „World of Warcraft“. Der Leser mag das lange Zitat jetzt „episch nervig“ gefunden haben, aber Vorsicht, wir sind erst beim Personal, wir haben noch keine einzige Spielregel lernen müssen. Die Liste der für Rappelz Epic7 gebrauchten Abkürzungen beträgt, grob überschlagen, 200 Items.

          Wie einer da noch Gebrauchsanweisungen von Geräten kompliziert finden kann, versteht man nach einem Blick in diese labyrinthischen Regelwerke nicht. Aber vermutlich gilt für Letztere das Barhocker-Phänomen: Noch nie hat sich jemand beschwert, der Barhocker sei unbequem. Unser Wort funktioniert in der Gamer-Szene also wie ein „richtiger Freund“ (im Gegensatz zum „falschen Freund“, à la „Website“ gleich „Webseite“ statt „Webauftritt“). Man benutzt es als Superlativ wie „geil“ oder „cool“ und bleibt seinem ganz anderen Ursprung doch treu. Ein „episches“ Spiel ist cool, und es ist extrem lang und ein Kampfspiel, wie das Epos.

          Von der dreckigen Gosse zur coolen Datenbahn

          Wird „episch“ sich durchsetzen? So lange halten wie „geil“? Dieser Test dürfte generellen Aufschluss über die Entwicklung der Jugendsprache geben. Er könnte uns zeigen, wie mächtig die Medienkultur des Digitalen wird. „World of Warcraft“ hat weltweit neun Millionen Spieler, Rappelz Epic7 kommt allein in den Vereinigten Staaten auf fünf Millionen.

          Diese „Völker“, zu deren Muttersprache „epic“, „episch“ gehört, und ihre mehr oder minder ahnungslosen Nachahmer außerhalb der Spielewelten scheinen die alte Grundtendenz des Jugendjargons zu schwächen, sich als „Kontrastsprache“ (Helmut Glück) gegen die erwachsenen Sprechweisen abzusetzen. In „episch“ schwingt nun einmal nichts „Krasses“, nichts Provokatives mit. Breitet sich die Nerdisierung der Kultur weiter aus?

          Steigen Kraftworte von der dreckigen Gosse zur coolen Datenbahn auf? Diese Fragen kann aber nur stellen, wer weiß, was „episch“ „wirklich“ bedeutet, wo seine Ursprünge liegen. Vielleicht denkt der unbefangene User ja doch, dass mit „episch“ etwas total Abständiges, Verruchtes gemeint war. Einstweilen werden auf Youtube Filmstreifen als „episches Drama“ angepriesen. Wissen die Griechen eigentlich davon?

          Der Verfasser lehrt Kunstgeschichte an der Universität Hamburg.

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