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Jugendliteraturpreis : Leselast statt Leselust

Der Nachwuchs hört lieber als zu lesen - auch auf der Buchmesse Bild: dpa

Auf der Frankfurter Buchmesse verlieh Familienministerin Ursula von der Leyen den Jugendliteraturpreis. Dabei warb nicht nur sie mit unerträglichen Floskeln von Leselust und Bücherglück. Doch dann riß die Fassade entlarvend auf.

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          „Für alle Kinder, die gern lesen“ - so steht es auf der ersten Seite von Hans-Georg Lenzens Bilderbuchklassiker „Onkel Tobi“, und damit könnte man es gut sein lassen: Die, die gern lesen, bekommen Bücher, und die, die lieber ins Schwimmbad gehen, bekommen Badehosen. Natürlich müßte man dazu den klammen Kommunen unter die Arme greifen, damit es weiterhin Schwimmbäder gibt und öffentliche Bibliotheken, die diesen Namen noch verdienen und die nicht ständig darum kämpfen müssen, daß ihre ohnehin lächerlich niedrigen Etats für Neuanschaffungen nicht noch weiter zusammengestrichen werden. Das aber sollte eigentlich ein leichtes sein, wo doch alle das Buch an sich so lieben und das Kinderbuch ganz besonders.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn sie so zurückdenkt an die schönen Bücherkäufe für die ganze, bekanntlich neunköpfige Familie, da spielt ein Lächeln um Frau von der Leyens Mundwinkel. Überhaupt lächelt sie gern an diesem Abend, als sie auf der Frankfurter Buchmesse den Jugendliteraturpreis verleiht. Ja, das Lesen, das Vorlesen zumal, denn das sei „der Türöffner fürs Lesen schlechthin“. Schön, daß in einem Drittel der deutschen Familien regelmäßig vorgelesen wird, wichtig, daß man die übrigen, bislang abstinenten zwei Drittel endlich auf den rechten Weg bringt.

          Kenntnisse zum Telefonbuch qualifizieren zum Juror

          Wie sie das anstellen will, bleibt der Ministerin Geheimnis, aber der Eindruck verfestigt sich, daß uns hier jemand auf einen langen Weg einschwören möchte, auf Tinte, Schweiß und Tränen, auf Leseförderungsprogramme und Buchstabierwettbewerbe. Und weil auch der Jugendliteraturpreis da nicht beiseite stehen möchte, wurde die Jugendjury, die auch einen Preis vergeben durfte, mittels eines aufwendigen Quiz besetzt. Wie das denn war, möchte Petra Gerster wissen, die den Abend moderiert, was die Kinder denn für Fragen beantworten mußten, und der kleine Ruben sagt brav sein Sprüchlein auf: Kenntnisse zum Telefonbuch hätten ihn für sein Amt qualifiziert, und Petra Gerster nimmt die Gelegenheit wahr, dem Sponsor Telefonbuch zu danken.

          Und sonst? Lesen die jungen Juroren auch, um sich für ihr Amt zu qualifizieren? „Ich mußte“, beginnt einer entlarvend, nämlich die Titel der Shortlist zum Preis sämtlich lesen. Etwas später wird Regina Pantos, die neue Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, den Juroren danken. Die nämlich hätten freiwillig viel Zeit und Kraft investiert, „um sich durch die Bücherberge durchzuarbeiten“, und einen Moment lang erwägt man, ob das Schwimmbad nicht vielleicht doch die bessere Alternative ist, so mühsam erscheint auf einmal das Lesen, so finster dieses freudlose Durchackern der Jugendliteratur.

          „Ich sehe lieber fern - türkische Sender“

          Oder sollte man es so machen wie die junge Jurorin Esma? „Ich lese selten Bücher“, sagt sie, „ich sehe lieber fern - türkische Sender“, und die freundliche Frau Gerster beeilt sich mit der Feststellung: „Das kann man verstehen, wenn man aus der Türkei kommt.“ Immerhin scheint im Hause Gerster alles in Ordnung zu sein. Dort wird fleißig gelesen, nicht nur von der Moderatorin selbst, denn als der Autor Dolf Verroen völlig zu Recht für sein Jugendbuch „Wie schön weiß ich bin“, eine irritierende Sklavengeschichte aus der niederländischen Kolonialzeit, ausgezeichnet wird, gesteht Petra Gerster Herrn Verroen etwas: „Unsere ganze Familie hat Ihr Buch gelesen, sogar der Vater, abends am Eßtisch.“

          Das ist Leseförderung im Sinne Petra Roths. Prominente, besonders die aus dem Fernsehen, sollten bei jeder Gelegenheit mit gutem Beispiel vorangehen, rät sie, öffentlich lesen, was das Zeug hält, schließlich habe man ja davon auch selbst etwas: „Lesen bildet nicht nur, sondern vermittelt auch viel Wissen - und das bedeutet Macht.“

          Private Sponsoren statt staatliche Hilfe

          Zunächst aber hatten die beiden Jurys, die eine aus Kritikern, die andere aus Jugendlichen geformt, die „Qual der Wahl“, wie die Ministerin fröhlich verkündete, und bei all dem Geplapper war man schon dankbar, daß wenigstens diejenigen, die die Bücher offenkundig gelesen hatten, ein solides Urteil fällten: Peter Schössows großartiges Bilderbuch „Gehört das so??!“ wurde ebenso ausgezeichnet wie Valerie Dayres Kinderbuch „Lilis Leben eben“ und Anja Tuckermanns Sachbuch „Denk nicht, wir bleiben hier“, das die Geschichte eines Sinto nachzeichnet, der als Kind mehr als zwei Jahre im Konzentrationslager verbringen muß. Die Jugendjury entschied sich für „Lucas“ von Kevin Brooks, eine düstere Ausgrenzungsgeschichte, und Rotraut Susanne Berner wurde für ihr Gesamtwerk als Illustratorin geehrt, was dem Laudator Hans-Joachim Gelberg immerhin die Gelegenheit bot, mit seiner Rede plötzlich Substanz in einen belanglosen Abend zu bringen.

          Anja Tuckermann aber blieb es vorbehalten, die Luft aus all diesen unerträglichen Floskeln von Leselust und Bücherglück zu lassen. Sie habe, sagte sie, so selten Gelegenheit, zu einer Familienministerin zu sprechen - ob sich Frau von der Leyen nicht dafür einsetzen möge, daß der Staat die Bibliotheken vielleicht etwas mehr unterstütze? Eisern lächelnd wehrte die Ministerin ab und riet, man möge sich doch einfach um private Sponsoren bemühen. Einen Moment lang riß die Fassade auf. Dann machte Frau Gerster weiter.

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