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Jugendkriminalität in Russland : Eine Generation von Monsterkindern

  • -Aktualisiert am

Wohin blickt Russlands Jugend? Die Anhänger der kremltreuen Jugendbewegung Nashi auf Putin, aber an wirklichen Vorbilden mangelt es Bild: REUTERS

In Russland wächst eine Generation gewalttätiger Jugendlicher heran, die einer korrupten Gesellschaft den Spiegel vorhält. Die Polizei hat kapituliert, und für die Straftäter gibt es kaum Möglichkeiten, wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.

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          Auch Russland erschrickt über eine neue Generation von Monsterkindern, die einer zunehmend unsolidarischen, geldversessenen und korrupten Gesellschaft ihren Zerrspiegel vorhalten. Straftäter und Gefängnisinsassen werden immer jünger. Ein Qualitätshandy, zu gute Schuhe oder, zumal bei Mädchen, bloß attraktives Aussehen von Altersgenossen genügen neidischen Jugendlichen als Anlass für Raubüberfälle. Russische Teenager verprügeln oder ermorden asiatische Kinder.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein heranwachsender Trinker, den sein Onkel der Miliz übergab, tötete diesen aus Rache, sobald er freikam. Zugleich werden minderjährige Delinquenten oft strenger bestraft als Wiederholungstäter, die Geld und Protektion besitzen. Falls ihnen je der Prozess gemacht wird, kommen Autoritäten der russischen Halbwelt mit einer Bewährungsstrafe davon. Jugendliche Diebe hingegen müssen real einsitzen und werden dann natürlich ganz kriminell sozialisiert.

          Das Problem beginnt mit der russischen Durchschnittsfamilie, wo der Vater ein Alkoholproblem hat und die Mutter überarbeitet ist. Der Nachwuchs ist, soweit sich keine Babuschka um ihn kümmert, dem Fernsehen und dem Computer überlassen, wo er Gewaltfilme anschaut und Gewaltspiele spielt. Kinder sind ja von Natur aus grausam: Sie habe oft versucht, ihre vier und neun Jahre alten Sprösslinge für gutherzige sowjetische Zeichentrickfilme zu erwärmen, sagt Jelena Schemjakina, Jugendbeauftragte vom russischen Komitee für Menschenrechte. Die Kleinen verlangt es aber nach Batman oder den Simpsons, wo man einander bekriegt und totschlägt.

          Jugend ohne Vorbilder

          Der jungen Verbrechergeneration fehlt jedes Unrechtsbewusstsein. Wo sollte es auch herkommen, wenn Ordnungshüter, vom Streifenpolizisten bis zum Staatsanwalt, als Menschenschinder wahrgenommen werden, die mit staatlicher Lizenz kidnappen und erpressen. Dass Erfolg im Leben durch Fleiß und Leistung erkauft wird, wollen viele Russen nicht einsehen, erklärt Eduard Rudyk, der im Komitee für Menschenrechte Strafkolonien für Jugendliche beobachtet. Die Gangster-Privatisierung der neunziger Jahre habe solche Ansichten bestärkt.

          Für die Viktimologie, die Verbrechensopferforschung, bietet Russland reiches Lehrmaterial, bemerkt Rudyk. Der brutal auftrumpfende oder zwielichtige Habitus vieler Geschäftsleute und Staatsdiener mache sie zu Hasszielscheiben. Den glücklicheren Zeitgenossen zu beseitigen wird aber auch zum Selbstzweck. Rudyk erinnert an den Fall zweier junger Russen, die aus dem islamistischen Unruheherd Dagestan im Kaukasus nach Saratow geflohen waren. Der eine der beiden gründete eine Existenz und eine Familie, der andere nicht. Da ermordete der Erfolglose den Erfolgreichen aus purem Neid.

          Alkohol ist ihr Sanitäter in der Not

          Ersatz für schwer erreichbares Glück bieten Alkohol und Drogen, mit denen sich schon Zwölfjährige zuknallen. Waisen und Dorfkinder trinken Rasierwasser oder Lösungsmittel und spritzen sich Alkohol-Cocktails in die Venen. Vorsorge durch Aufklärung betreiben die überforderten, unterbezahlten Schullehrer nicht. So versäumen sie das Wichtigste, den Kindern klarzumachen, dass sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, sagt die besorgte Mutter Jekaterina Schemjakina. Konformität, das Leitprinzip der Gesellschaft, verleiht auch dem sozialen Ausstieg einen fatalistischen Sog.

          Etliche seiner Klassenkameraden seien schon am Suff gestorben, sagt der fünfunddreißigjährige Rudyk. Das ist für Russland nichts Ungewöhnliches. Man versteht, dass er und seine Kollegin Schemjakina, die autoritärer Sympathien unverdächtig sind, sich dafür aussprechen, Drogen- und Alkoholabhängige, wie zu Sowjetzeiten, wieder zwangsweise zu therapieren.

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