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Jugendkanal von ARD und ZDF : Das ganze, volle Programm

Der Jugendkanal von ARD und ZDF dürfte im Jahr 2015 kommen, auch wenn es gute Argumente gibt, ihn nicht zu starten. Kosten soll er fünfundvierzig Millionen Euro, zwei Digitalkanäle sollen wegfallen.

          Wenn wir tippen sollten, welches Programm Jugendliche garantiert nicht einschalten, dann wäre es ein Programm, auf dem das Etikett „Jugendkanal“ prangt. Das klingt nach „betreutem Fernsehen“. Für die Zielgruppe, der ARD und ZDF am deutlichsten erklären müssen, wofür der Rundfunkbeitrag gezahlt wird, ist das ein Signal nach dem Motto: nichts wie weg. Doch mahlen die Mühlen der hiesigen Medienpolitik wie üblich - dann kommt der Jugendkanal. Vor Mitte 2015 werde der wohl nicht auf Sendung gehen, sagte der ZDF-Intendant Thomas Bellut am vergangenen Freitag. Aber dann. Der Fernsehrat seines Senders hat dem Projekt, das vor allem die ARD vorangetrieben hat, zugestimmt. Nun sind die Ministerpräsidenten der Länder am Zug. Sie treffen sich in dieser Woche.

          Vater des Gedankens ist der SWR-Intendant Peter Boudgoust. Er verfolgt die Sache seit Jahren, weil er weiß, dass den Öffentlich-Rechtlichen bei den jungen Zuschauern die Felle wegschwimmen. Die machen ihr Programm selbst, Youtube, dann die Privatsender und dann erst ARD und ZDF bestimmen die Auswahl. Das Legitimitätsproblem der Sender wächst, und so hat sich bei ARD und in den Bundesländern eine große Koalition gebildet mit dem Ziel - ein Jugendkanal muss her, koste es, was es wolle.

          Aus sechs mach' vier

          35 Millionen Euro könnten dafür nötig sein, hatte der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor vor einigen Monaten gesagt, fünfzig Millionen Euro müssten es wohl sein, hatte sein ZDF-Kollege Bellut zwischenzeitlich eingeworfen. Jetzt sollen es 45 Millionen Euro sein, die - zunächst - durch Umschichtungen beschafft werden sollen. Ein Drittel der Summe bringt das ZDF auf, zwei Drittel die ARD. Dafür würde das ZDF auf den Digitalkanal ZDFkultur verzichten, die ARD könnte die Kanäle EinsFestival und EinsPlus streichen. So würden aus den bislang sechs digitalen Angeboten der Sender vier - tagesschau24 bei der ARD, ZDFneo und ZDFinfo beim ZDF plus gemeinsamer Jugendkanal.

          Mit dieser Reduzierung könnten die meisten Länderregierungen wahrscheinlich leben. Sie hatten den Sendern aufgegeben, ihr Digitalbouquet zu straffen. Die Senderfamilie der Öffentlich-Rechtlichen bleibt auch so groß genug mit dem Ersten und sieben dritten Programmen, drei ZDF-Kanälen, Phoenix, Kika, 3 Sat, BRalpha, Arte und - dem Jugendkanal.

          Im Grunde genommen wächst das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen damit abermals. Denn man muss sich einmal ansehen, was auf den Kanälen läuft, die im Tausch gegen den neuen Jugendsender als Verfügungsmasse dienen: Wiederholungen und Archivausspielungen bis zum Anschlag. Da fällt der Verzicht leicht. Und doppelt gemoppelt wird weiterhin: tagesschau24, ZDFinfo und Phoenix sind Informationsprogramme. Von Konzentration keine Spur.

          Das ZDF musste zum Jagen getragen werden

          Man darf zudem darauf wetten, dass die Sender den Jugendkanal, so er 2015 startet, für die nächste Gebührenperiode, die 2017 beginnt, bei der Gebührenkommission Kef als neues „Projekt“ anmelden. Als Projekt, für das man mehr Geld braucht, wodurch dann selbstverständlich der Rundfunkbeitrag von zurzeit 17,98 Euro pro Monat steigt. Mit einem Jugendkanal ließe sich das prima rechtfertigen.

          Das ZDF musste die ARD für das Projekt „Jugend schaut“ allerdings erst breitschlagen. Der Sender hat nämlich mit ZDFneo längst sein eigenes Programm für jüngere Zuschauer, der Programmdirektor Norbert Himmler hat dem ZDF mit einem Jahresbudget von zunächst dreißig Millionen Euro durch ZDFneo ein zweites Standbein und neue Formate geschaffen. Innerlich überzeugt sind sie beim ZDF von dem geplanten Jugendkanal beileibe nicht, doch wird die Skepsis inzwischen nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Im April und Mai hatten sich die Chefs von ARD und ZDF einen martialischen Schlagabtausch geliefert.

          Die ARD-Intendanten Marmor und Boudgoust hatten dem ZDF bedeutet, dass es sich bewegen müsse. Der ZDF-Intendant Bellut hatte den Kollegen empfohlen, den Plan „vom Tisch“ zu nehmen - gemeint war die Idee, für den Jugendkanal die Zahl der Digitalkanäle auf insgesamt drei zu reduzieren. Jetzt hat man sich auf vier geeinigt, das ZDF kommt besser weg und - macht mit. Die Gespräche zwischen ARD und ZDF gleichen in solchen Fällen dem Hauen und Stechen bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin. Am Ende findet sich ein gemeinsamer Nenner.

          Ganz durch ist die Sache aber noch nicht. In den Bundesländern haben sich drei Lager gebildet: die vorbehaltlosen Befürworter des Jugendkanals - sie sind in der Mehrheit; die Kostenrechner - sie wollen den Rundfunkbeitrag auf Jahre deckeln; und die Skeptiker - sie glauben, dass der Jugendkanal ein Instrument von gestern ist. Einen sachkundigen Vorschlag zur Güte hatte in dieser Zeitung die für die CDU maßgeblich mit Medienpolitik befasste Fraktionsvorsitzende im rheinland-pfälzischen Landtag, Julia Klöckner, gemacht: eine abendliche Jugendkanal-Schiene im schon vorhandenen Kinderkanal Kika, dazu ein Jugendportal im Internet. Da die Bundesländer mehrheitlich von der SPD (mit)regiert werden, dürfte der Vorschlag allerdings wenig Aussicht auf Erfolg haben. Und die entscheidende Staatskanzlei in Mainz weiß der SWR-Intendant Boudgoust hinter sich. Bei seinem Sender dürfte dann auch die Federführung für den Jugendkanal bei der ARD landen. Auch wenn das Programm dann niemand schaut.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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