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Jugendhilfe : Sibirien-Sehnsucht

Wenn deutsche Sozialämter jugendliche Gewalttäter, wie zu lesen ist, nach Sibirien schicken, so ist das nicht ohne Risiko: Die Gefahr ist groß, dass sie dort auf reiselustige Rentner stoßen.

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          Deutsche Rentner fahren gern mit der Bahn. Zu ihren beliebtesten Reisezielen gehört Sibirien: Gleich mehrere Veranstalter bieten Fahrten auf der transsibirischen Schienenstrecke an. Man bucht zum Beispiel den Regelzug, der vom Jaroslawer Bahnhof in Moskau Richtung Ural und Baikalsee und immer weiter nach Osten aufbricht, mit Hochbettabteilen voller russischer Großmütterchen, Soldaten auf Heimaturlaub, Altmetall, Wodka und Kleinvieh, und wo es nach ein paar Tagen, Flaschen und noch mehr Zeitzonen immer ungewaschener zugeht - so weit die Füße es ertragen.

          Rentner, die sich lieber nicht vollräuchern lassen wollen und auch keinen Wert auf die nähere Bekanntschaft mit einer Traktoristin aus Omsk und ihren Blinis legen, bereisen Sibirien besser im plüschigen Sonderzug, den sich Chruschtschow einst bauen ließ und in dem Präsident Putin heute noch zum Steuereintreiben in seine Provinzen fährt (wenn nicht gerade deutsche Rentner in ihm sitzen). Denn Russland ist groß, die Wege sind weit, die Heimat erkaltete Lichtjahre entfernt, dahin geht die Fahrt, vorn marschiert und dampft die Taigatrommel in die Winterluft hinein, links und rechts stehen Birken, die Stalin pflanzen ließ, wie es heißt: als hätte er diese armen, dürren Wesen auch in die Verbannung schicken wollen. Drinnen im Zug aber singt immer irgendein Rentner glutäugig und mit Alexandras Stimme von „Kalinka“, ein anderer Großvater erzählt vom Krieg.

          „Ich habe noch nie so viele deutsche Touristen gesehen wie in Sibirien“, hat der sibirische Schriftsteller Wladimir Kaminer einmal geschrieben, und dass seine Heimat heute eine deutsche Seelenlandschaft sei. Genau wie die Toskana, nur dass in Sibirien keine Zitronen blühen, sondern Schneeglöckchen: So nennt man hier die Toten aus den Umerziehungslagern, die Frühling für Frühling wiederauftauchen, wenn der Frost taut. Man sieht diese Schneeglöckchen allerdings nicht vom Zugfenster aus: Die Einsamkeit des GULag, sein Hunger und die Albträume beginnen erst jenseits des sibirischen Trakts, wo die Wölfe heulen.

          Dort also, wohin deutsche Sozialämter seit einiger Zeit jugendliche Gewalttäter zum Holzhacken und Plumpsklobauen schicken, wie jetzt zu lesen ist. Im „reiz- und konsumarmen“ Sibirien treffen diese Jungs dann auf deutsche Rentner, die nur gemütlich im Zug sitzen und nicht vollgeräuchert werden wollen. Und wie das ausgehen kann, haben wir gerade im Fernsehen gesehen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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