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Jugend und soziale Netzwerke : Generation Facebook?

Erhöhte Gewaltbereitschaft? Demonstrativer Pazifismus? Foto von einer via Facebook verabredeten Wasserschlacht vor dem Hauptbahnhof in Hannover im Juli Bild: dpa

Das Instabile der Aktivitäten und die Gleichzeitigkeit entgegen gesetzter Einstellungen kennzeichnet die moderne Jugend. Im Zeitalter von Facebook ist sie, was sie schon immer war: Auf der Suche nach sich selbst.

          Was macht die Jugend? Auf diese Frage ist seit langem die einzig richtige Antwort: Die Jugend macht alles Mögliche. In Spanien betet, singt und diskutiert sie gerade. Andernorts fackelten Teile von ihr Innenstadtgeschäfte ab, oder sie schrieb sich gerade in Massen an den Universitäten ein, feiert Partys, steckt in Praktika und so weiter. Die erwartbaren Jugendstudien, die regelmäßig feststellen, die Jugend werde gerade politischer, unpolitischer, egoistischer, tugendhafter, aktiver, passiver, greifen an dieser Tatsache vorbei: Die Jugend folgt völlig unterschiedlichen Verhaltensmoden.

          Gerade das Instabile ihrer Aktivitäten und die Gleichzeitigkeit entgegen gesetzter Einstellungen – erhöhte Gewaltbereitschaft hier, demonstrativer Pazifismus dort – sind für die moderne Jugend kennzeichnend. Und durch ihren Willen zum Erlebnis, der sich in Partys genau so äußert wie in Demonstrationen, Kirchentagen oder Vandalismus, wird sie ganzen Gesellschaften zum Vorbild. Das ist nichts Neues. Vor achtzig Jahren hat der niederländische Historiker Johan Huizinga festgehalten, wie hoch im Kurs jugendliches Verhalten und jugendlicher Konsum (Kleidung, Musik, Tourismus) auch bei den Erwachsenen stehen. Der Erwachsene, ergänzte der deutsche Soziologe Friedrich Tenbruck auch schon vor einem halben Jahrhundert, also noch vor der großen Popwelle von 1968, orientiert sich nicht mehr vorwärts: „Die Jugend zu verstehen, mit ihr Schritt zu halten, wird normales Bemühen“.

          Darum sind eigentlich nur Befunde von Interesse, die alle Ausprägungen von Jugendkultur einschließen. Solch ein Befund ist derjenige, die Jugend sei gerade „auf Facebook“ und überhaupt im Internet. Er gilt für die niederträchtigen Trophäenjäger von London genau so wie für die friedlichen Partygänger, für Studenten insbesondere, für Nachwuchspolitiker auf der Suche nach Bewunderern und auch für die Guttenbergjugend, die durch Drücken eines „Gefällt mir“-Knopfes für die Mitteilung „Guttenberg soll bleiben!“ angeblich zu Abertausenden im Internet ihr Idol unterstützte.

          Zwischen „privat” und „öffentlich”: Vor allem Jugendliche setzen sich der Beobachtung von Freunden, Bekannten oder der ganzen Welt aus

          Die Jugend probiert aus

          Eine Dreiviertelmilliarde Menschen benutzt Facebook, jene Plattform, auf der man Bekanntschaften – im Durchschnitt ein-, zweihundert Personen – durch geteilte Nachrichten pflegen kann. Man schreibt, was einem durch den Kopf geht, weist auf Funde im Internet hin, bewertet die Mitteilungen anderer, verabredet sich, sucht Anschluss. In Deutschland tut das, heißt es, ein Viertel der Bevölkerung. Zwei Drittel davon sind jünger als dreißig. In der Studentengeneration soll die Beteiligungsrate noch höher sein.

          Was kann es heißen, dass vorzugsweise jüngere Leute so intensiven Gebrauch von dieser und allen anderen Kommunikationstechniken im Internet macht, woraufhin dann auch andere soziale Gruppen sie sich erschließen? Zunächst sagt es nur etwas über neue Medien selbst: Die Jugend probiert eben aus, was auszuprobieren der Rest weniger Zeit hat. Der ewige Vorwurf, die Jugend telefoniere, fernsehe oder „chatte“ zu viel, ist insofern ungerecht. Sie testet nur – in Berufsleben, Erziehung sowie in Ehe und Familie oft entschuldigt fehlend, aber trotzdem nervös – für alle anderen aus, was neu und interessant ist.

          Daraus lernt sie selber, weswegen dann irgendwann auch wieder maßvoller kommuniziert wird. Und es treibt den Markt, mitunter so schnell, dass soeben noch teuer gehandelte Plattformen wie der Facebook-Konkurrent „MySpace“ nurmehr für Kulturmuseen informativ sind. Niemand weiß, ob dieses Schicksal nicht morgen schon Facebook erreicht.

          Ich sage jetzt mal etwas über mich

          Noch ein anderer Aspekt der elektronischen Netzwerke kommt der Jugend entgegen. Sie entkoppeln den Kontakt zu Bekannten von physischer Anwesenheit. Ob man gerade in Semesterferien weilt, einen Umzug hinter sich hat, der Weltjugendtag schon vorbei ist oder die anderen überhaupt noch wach sind, spielt auf Facebook keine Rolle. Man kann kommunizieren, ohne auf die Klärung von Terminen, Organisationsmitgliedschaften und verlässlichen Tagesplänen angewiesen zu sein. Wie naheliegend, dass daran besonders eine Gruppe interessiert ist, die erst noch ausprobiert, woran sie sich bindet und in welchen Rhythmen ihr Alltag verläuft.

          Das gilt ebenfalls für das Motto „Hast Du schon gesehen?“, unter dem das Gros der Kommunikation in diesen Netzwerken läuft. Man beteiligt andere am eigenen Geschmack, ohne ihnen eine direkte Reaktion abzuverlangen, ohne zu „nerven“, wenn keiner reagiert. Wer will, kann etwas dazu sagen, heißt die Regel. Und: Ich sage jetzt mal etwas über mich.

          Das die ganze Gesellschaft prägende Jugendliche daran ist das Bedürfnis nach ständiger, aber unauffälliger, konfliktarmer Abgleichung des eigenen Urteils und Selbstbildes mit anderen. Schnelle persönliche Kommunikation ist hier wichtiger als langsame, unpersönliche, überlegte. Das entspricht einer Lage, in der für viele – so wie seit jeher für Jugendliche – ganz unklar ist, was sie eigentlich interessant finden sollen und wer man eigentlich sein sollte. Um es herauszufinden setzen sie sich der Beobachtung ihrer Freunde, Bekannten oder der ganzen Welt aus, auf einer Bühne irgendwo zwischen „privat“ und „öffentlich“, die kein Publikum mehr kennt, das nicht auch Selbstdarsteller wäre.

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