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Film „Jugend ohne Gott“ : Gnadenloses Assessment-Center im Wald

Der Junge mit dem Knacks ist Zach (Jannis Niewöhner), und man versteht ihn und seine Nöte ja gut. Er verarbeitet noch den Tod seines Vaters und schreibt deshalb Tagebuch, er hat dafür sogar ein Attest. Den Argwohn seiner Mitschüler erntet er dennoch, sie sehen seine Aufzeichnungen als Heimlichtuerei. Übertriebene Privatheit, auch wenn sie dem akuten Schutz der Psyche dient, ist in durchorganisierten Gesellschaften nicht gern gesehen. In dieser Welt herrscht außerdem ein grundsätzliches Misstrauen gegen das Analoge, das nicht digital Erfassbare. Zach, das Sorgenkind des Camps, wird von seinem Lehrer, schön schluffig lehrerhaft gespielt von Fahri Yardim, gegen die Bedenken der Psychologin verteidigt. Dieser Pädagoge ist eine Lichtgestalt, der einzige sensible Mensch weit und breit, aber auch nur ein Rädchen im Getriebe seiner höheren Bildungsanstalt.

Irgendetwas ist in diesem Deutschland los, dass neuerdings wieder dystopische Fiktionen produziert werden. Romane wie die von Juan S. Guse („Lärm und Wälder“) oder Leif Randt („Schimmernder Dunst über Coby County“) finden ihren Gefallen daran, sich Gesellschaftsszenarien einer nicht allzu fernen Zukunft auszumalen, die auf der Oberfläche funktionabel, auf den ersten Blick sogar attraktiv erscheinen. Um diese hochglanzpolierten Gesellschaften, das merkt man dann allmählich, liegt eine hohe Mauer, die nichts und niemanden hinein- oder herauslässt, was dazu führt, dass es den Menschen bald um nichts anderes mehr geht als drinnen und draußen, oben und unten. Vor allem Leif Randts Roman „Planet Magnon“ bietet sich als Referenz an, auch darin suchen junge Menschen ihren Platz in einer strikten, „vernünftigen“ Organisation, die bis in ihr Privatestes vordringt, vorgeblich nur das Beste will und einen bei Fehlverhalten sofort ausspuckt. Es geht um Leistungsdruck, um Privatheit und um das Ausgeliefertsein an eine große Kontrollmaschine, die niemand im Griff hat. Irgendwann endet das Ganze dann auf einem Müllplaneten.

Er muss sich eine Nische suchen

Ganz so weit öffnet sich der Abgrund nicht für die Figuren aus „Jugend ohne Gott“. Man folgt dem Protagonisten Zach, seiner neugierigen, mitfühlenden Zeltgenossin Nadesh (Alicia von Rittberg), seinem Lehrer und dem ehrgeizigen Titus (Jannik Schühmann) ins Camp, erlebt die Geschichte um Zachs gestohlenes Tagebuch, um Ewa und um einen Mord, der im Wald geschieht, mehrfach hintereinander aus unterschiedlichen Perspektiven. Ungefähr beim vierten Perspektivwechsel wird die Sache dann leider etwas arg lang, da hätte ein wenig Straffung gutgetan. Als Bewohner der Rhein-Main-Region kann man sich immerhin noch daran freuen, wie viel Science-Fiction-taugliche Architektur in Hessen herumsteht (Besucherzentrum der Grube Messel, Kongresszentrum Darmstadtium, diverse Frankfurter Stadtansichten), und zum Glück beginnt dann bald die Gerichtsverhandlung, in der geklärt werden soll, wer der Mörder ist und warum. Die Staatsmacht kommt gar nicht dämonisch, sondern sehr wohlwollend daher, doch in einer ungerechten Gesellschaft ist Gerechtigkeit nicht möglich.

In großen Rummbumm-Produktionen wird ja gern am Ende das eine oder andere Terrorregime über den Haufen geworfen, aber hier haben wir es mit einem anderen Genre zu tun. Was in der intelligenten Dystopie am Ende bleibt, ist die individuelle Flucht. Horváths Erzähler, der sympathische Pädagoge, verlässt das Land und geht nach Afrika, in die Kolonien, dem Niedriglohnsektor des frühen 20. Jahrhunderts. Im Film ist es der fragile Schüler Zach, der sich eine Nische suchen muss – jenseits von Eliteuniversität und Stadtrandslum. Womöglich bleibt dann nur die wilde, analoge, unerfassbare Natur, wenn man sie nicht gerade als Trainingsparcours für Elitezöglinge missversteht.

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