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Leben nach der Castingshow : Sarah Kreuz - Schaff ich das?

Ein Rauchschwaden steht im Wohnzimmer, die Luft ist schwer geworden. Was wäre gewesen, wenn es nicht geklappt hätte mit dem Plattenvertrag? Stille im Raum, bis Sarah Kreuz erleichtert sagt: „Ich weiß es nicht. Irgendwie hätte es geklappt, wenn nicht bei DSDS, dann anderswo.“ Hat sich die Mutter keine Sorgen gemacht, niemand wusste ja, ob ihr Talent wirklich reicht? Die Mutter schüttelt den Kopf. Zur Not hätte sie privat singen können, meint sie. Warum hat Sarah sich auf den Englischunterricht nicht geradezu gestürzt, bei ihrem Berufswunsch? Sarah sagt: „Das war ein Fehler“, aber die Mutter wirft sofort ein: „Und ein Glück“, die Sprachenlücke habe Sarah in einer der Entscheidungssendungen die Haut gerettet, als sie bei einem Hänger auf das Pseudo-Englisch ihrer Kindertage zurückgreifen konnte. Sie selbst sagt: „Ich wollte einfach singen und brauchte die paar Buchstaben. Besser wäre natürlich gewesen, ich hätte richtig Englisch gelernt.“

Die Mutter muss lachen

Nur eine Sache hat der Mutter während der Zeit der Sendung wirklich Sorge bereitet: Ihre Tochter lachte kaum. Sarah sagt, sie sei nicht richtig frei gewesen. Das hat sich geändert, sagt sie. Immer wieder wird das Wohnzimmer von Lachern erfüllt, die Mutter ärgert Sarah mit trockenen Bemerkungen, Sarah verarbeitet die Bruchstellen in ihrem Leben mit schwarzem Humor. Alles Abgehobene wird geerdet, die Grundlage ihrer Gespräche ist Unerschütterlichkeit, man spürt dahinter einen rätselhaften Stil, den man nicht im Detail sieht, sondern nur in der Breite. Die Mutter, die, so Sarah, „die beste Tänzerin“ war, versucht es am Beispiel des Tanzes zu erklären: „Sinti tanzen alles, auch Standards, aber sie machen ein, zwei Schritte dazwischen, die passen und perfekt aussehen.“

Sarah Kreuz hat keinen Schulabschluss und die ungewisse Zukunft einer Unterhaltungssängerin vor sich. Aber sie sitzt da im Haus ihrer Eltern, denkt nicht daran, sich privat an dem von ihr erwarteten Bühnenglamour zu messen oder auszuziehen, und definiert ruhig ihre Ziele: „Mein jüngstes Ziel war es, eine Single rauszubringen und mein Publikum zu erreichen, das habe ich geschafft, mein nächstes Ziel ist, dem Album zum Erfolg zu verhelfen. Wie es danach weitergeht, liegt in Gottes Hand.“ Die Mutter muss lachen. Sarahs Zielstrebigkeit ist ihr immer noch fremd, aber sie ist stolz auf sie.

Drei Wochen später sind die Verkaufszahlen des Albums da. In die Charts ist es auf Platz 59 eingestiegen. Gehofft hatte Sarah auf einen Platz unter den ersten zwanzig. Vor einem Auftritt in Erfurt klingt sie am Handy etwas ratlos, leise, aber gefasst: „Ich will jetzt für meine Fans singen und Deutschland von meiner Musik überzeugen.“ Das ist ihr neuer Plan. Sie muss wieder kämpfen.

Ab Januar wird Deutschland den nächsten Superstar suchen. Sarah Kreuz freut sich auf die neuen Charaktere und Talente. Die Authentizität, das Mantra einer jeden Castingshow - für Sarah Kreuz hat sie eine besondere Bedeutung, auch wenn die Echtheit in ihrer Situation ein zweischneidiges Schwert ist. Als junge Frau lebt sie gerade in zwei, vielleicht sogar drei Welten, mit jeweils eigenen, ganz unterschiedlichen Ansprüchen. Nur beim Singen sei sie sie selbst, sagt sie. Und die Mutter sagt, sie singt den ganzen Tag, sogar nach Auftritten. Mit professioneller Distanz interpretiert Sarah auf ihrer neuen CD die Textzeile: „I wanna be a gipsy girl“ - dabei wüsste niemand besser als sie, dass sie nie aufgehört hat, genau das zu sein.

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