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Leben nach der Castingshow : Sarah Kreuz - Schaff ich das?

In den Internetforen von RTL, in Video- und Sintiforen formiert sich nach Ausstrahlung der Sequenz eine Sympathiebewegung für die junge Sängerin. Kommentare wie „du kannst stolz auf dich sein weil du ehre bewiesen hast“ laufen reihenweise ein. Noch Wochen später werden kleinste Gesten euphorisch begrüßt: „hai sara wir sind auch reisende. wie du am samstag gesungen hast des war so geil wo du noch am ende chum (ein Sinti-Gruß) gesagt hast mach weiter so“. Und „Franz“ schreibt: „Du solltest auch wissen, dass Du für alle jungen Sinti ein Vorbild bist. Ich bin mir sicher, dass Du durch Deinen Mut, Dich bei DSDS klar als Sinteza zu bekennen, vielen die Angst genommen hast.“ Auch höhnische Kommentare sind zu lesen. So etwas Verklemmtes, heißt es, wäre im 21. Jahrhundert nicht mehr zu fassen. Das schreiben auch Forennutzer, die offenbar Sinti sind.

Ein sesshaftes Nesseltier

„Wenn ich ins Schwimmbad gehe, ziehe ich natürlich auch einen Bikini oder einen Badeanzug an, nur vor der Kamera finde ich das unpassend“, sagt Sarah. Sie greift nach einer Zigarette und erkundigt sich, ob der Rauch jemanden stört. Ihre Mutter, das verrät ihr Blick, würde am liebsten „mich“ sagen, sie tut es aber nicht. Sie hat ihre Tochter so erzogen, dass man in bestimmten Situationen besser nicht raucht. „Das hat aber nichts mit der Sinti-Tradition zu tun“, sagt sie.

Die Vorurteile, die es über Sinti gibt, lauten: Sie essen kein Pferdefleisch, die Frauen tragen in der Öffentlichkeit knielange Röcke, sie sind überaus familiär, „Stolz“ und „Charakter“ ist ihnen wichtig, sie vermeiden bestimmte Gespräche. Das Thema Sexualität ist tabu, darüber spricht man allenfalls mit seiner Mutter. Und die Annäherung zwischen den Geschlechtern gehorcht einer jahrhundertealten, recht komplizierten Choreographie, der aber zunehmend laxer gefolgt wird. All diese Regeln seien für sie kein Zwang, sie folge ihnen freiwillig. „Das ist unsere Kultur und ich bin stolz darauf“, sagt sie. Pferde seien doch auch so schöne Tiere, wie könne man die essen, und außerdem: „Wer redet schon gerne über Sexualität?“

Die Seitenblicke der Mutter auf die Zigarette ignoriert sie. Vor ihrem Vater würde sie noch heute nicht rauchen, sagt sie. Die Mutter sagt: „Das tust du aber auch.“ Mit ihrer Mutter spricht Sarah ausschließlich Deutsch, mit dem Vater, einem selbständigen Metallwarenhändler, Romanes. Sie kann gar nicht sagen, warum. Den Vornamen Sarah hat die Mutter ausgesucht, den Sinti-Namen Coralla der Vater, so ruft man sie auch außerhalb der Familie. Ob der Name eine besondere Bedeutung hat, können beide nicht sagen, sie führen ihn auf die Koralle zurück, jenes sesshafte Nesseltier, ein Wesen zwischen Tier- und Pflanzenwelt, ein Glücksbringer.

Sie muss atmen lernen

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