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Jugendsprache : Ich höre Rap, eigentlich müssten mich alle hassen

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Idol der „Kanacken”: Der deutsch-tunesische Rapper Bushido Bild:

„Ey Kanacke!“ Wenn Jugendliche sich so anreden, muss das nicht mehr ausländerfeindlich sein. Aber was bedeutet es dann? Unser fünfzehn Jahre alter Autor hat seine Altersklasse danach gefragt.

          Talha wollte sich bei McDonald's nur etwas zu essen holen. Der Frankfurter Jugendliche sieht gepflegt aus, ist freundlich. Als er gerade herauskommt, werden er und seine beiden Freunde von vier ungefähr gleichaltrigen Deutschen angepöbelt: „Ihr Scheiß-Ausländer!“ Talha reagiert besonnen: „Ich habe mir gesagt, einfach weitergehen.“ Dann schallt es schon von hinten: „Genau euch meine ich, ihr Hurensöhne!“ Talha dreht sich langsam um und sagt: „Das war jetzt zu viel!“ Aber er sieht das Messer nicht kommen. „Über die Hälfte war drin, überall Blut“, erzählt er später.

          An einem Gymnasium in der Nähe Frankfurts spielt sich etwas Ähnliches ab: „Ey, Bombenleger, komm mal her!“, sagt Kevin, vierzehn Jahre alt und Deutscher. „Halt's Maul, Fettsack!“, antwortet Adib, auch vierzehn, iranischer Abstammung. Der Unterschied ist: Die beiden sind die beste Freunde. Adib stört es nicht, wenn Kevin ihn so nennt: „Wir necken uns gegenseitig.“ Er selbst wurde im Bus schon einmal wegen seiner Herkunft geschlagen. Kevins Beleidigungen seien aber eher etwas Unbewusstes, nicht böse oder ausländerfeindlich gemeint. „Das ist hier eigentlich Alltag, das gehört ja dazu“, beschreibt Kevin seine Clique. Markus rutscht so etwas auch eher nebenbei heraus: „Wenn ich etwas Ausländerfeindliches sage, dann habe ich das von anderen übernommen.“

          Als ausländerfeindlich kann man die drei offenbar nicht bezeichnen. „Ich habe keine Vorurteile gegen Ausländer“, beteuert Kevin. Aber: „Wenn alle auf einer Schule wären, wäre es hier auch nicht mehr so friedlich. Mit denen von der Haupt- und Realschule würde ich nicht gerne in eine Klasse gehen. Das sind ja nicht alles Schläger - aber alle auf einer Schule?“ Denn mit Jugendlichen aus einem bestimmten Milieu will er, wie viele andere Jugendliche, lieber nichts zu tun haben: den „Kanacken“.

          Dieser abwertende, beleidigende Ausdruck bezeichnet zumeist einen bestimmten Typus von Ausländern, der seinerseits mit aufmüpfigem, aggressivem Verhalten auffällt. Auch die äußerlichen Merkmale sind ganz klar: die Jogginghose in den Socken, eine dicke Lederjacke, vom Bodybuilding aufgepumpte Körper, Boxerhaarschnitt. Gehört wird Rap, zum Beispiel von Gangster-Rappern wie Bushido. Besonders bezeichnend ist die Sprache: Ausdrücke wie „Ey, Alder“ und verkürzte Sätze kennzeichnen das Sprachbild.

          Beim ersten Mal schauen viele der Schlägerei nur zu

          Die Angst vor diesem Fremden erklärt Susanne Schlüter-Müller, Professorin für Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg, so: „Nicht über rationale Argumentation, sondern über Rituale und Symbolik, zum Beispiel das Aussehen oder die Musik, wird der Ausländer dann zum entmenschlichten Feindbild.“ Um solche Gruppen ranken sich die wildesten Gerüchte. „Aber ich habe eigentlich keine Vorfälle mit ,Kanacken' gesehen, ich kenne nur vom Hörensagen welche“, erzählt Kevin. Adib hat da schon ein konkreteres Beispiel: E., ein Türke, war auf dem Gymnasium völlig unauffällig. „Als er die Schule gewechselt hat, ist er abgerutscht. Beim ersten Mal schaut er bei der Schlägerei nur zu, das nächste Mal ist er selbst dabei.“ Er soll schon an Prügeleien, nach denen jemand ins Koma fiel, beteiligt gewesen und von der Schule geflogen sein, außerdem geklaut haben - was genau passiert ist, weiß niemand so richtig. Vielleicht ist er genau das geworden, was seine Umwelt von ihm erwartet.

          Die Schüler von der Franz-Böhm-Berufsschule in Frankfurt kennen das Milieu gut: „Viele Ausländer, die ,asozial' genannt werden, wurden schlecht erzogen und haben dann woanders Halt gesucht. Und die machen dann eben Bodybuilding oder hören Rap. Das ist eine ganz bestimmte Gruppe“, erklärt der Türke Faik. Anthony aus Sri Lanka sieht ein generelleres Problem als Auslöser für dieses Phänomen: „Viele Ausländer haben einen Konflikt mit sich selbst, weil sie nicht wissen, wo sie sich einordnen sollen.“ Patrick kennt diesen Zwiespalt: „In meiner Heimatstadt werde ich immer als Deutscher angesprochen. Dabei bin ich im Herzen Kroate.“ Ein Leben dort kann er sich dennoch nicht vorstellen: „Ich bin ein Teil von Deutschland.“ Patrick ist schon sehr gefestigt in seiner Meinung. Aber es gibt viele Ausländer, die noch sehr zwischen zwei Stühlen sitzen.

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