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Team Todenhöfer : Selbstdarsteller – na und?

Am 12. November 2020, seinem 80. Geburtstag, verkündet Jürgen Todenhöfer vor dem Brandenburger Tor die Gründung der Partei „Team Todenhöfer“ Bild: dpa

Ein neuer Kanzlerkandidat: Jürgen Todenhöfer, Gründer der Jungfühlpartei „Team Todenhöfer“, setzt auf den künstlerischen Rang des Politischen.

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          Nicht untergehen sollte auch die Mitteilung, dass es einen weiteren Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl im September gibt. Jürgen Todenhöfer, 80, hat die entsprechende Nominierung seiner Partei „Team Todenhöfer. Die Gerechtigkeitspartei“ angenommen (bevorzugte Zielgruppe: junge Leute, die das etablierte Parteienrumgemache satthaben). Team Todenhöfer: eine antimilitaristische Jungfühlpartei, verkürzt gesagt, die verspricht, „mit der jüngsten Kandidatenliste und dem höchsten Frauenanteil“ antreten zu wollen.

          Warum dieser weitere Kanzlerkandidat? Weil die anderen Kandidaturen „drittklassig“ und „ohne echte Lebenserfahrung“ seien, so Todenhöfer auf Twitter (siehe dort auch seine Kurzbiographie „Gestern: Richter, Bundestagsabgeordneter und Medienmanager. Heute: Kriegsreporter, Schriftsteller und Gründer von Team Todenhöfer“). Überwältigende Zustimmung auf Facebook, nur eine Kombattantin, Sabine Buchmann, geht von der Fahne: „Mir kommt es immer mehr so vor, als ginge es der Partei hauptsächlich um die Glorifizierung von Jürgen Todenhöfer. Fast schon religiös. Schade.“

          Verwurstungszusammenhang

          Nun ist der Vorwurf, Todenhöfer sei ein Selbstdarsteller, nicht neu, die Vorhaltung ist gewissermaßen banal, und natürlich handelt es sich bei diesem Parteiprojekt zur Rettung Deutschlands zugleich um Todenhöfers jüngste große Ego-Sause. Na und? Indem Todenhöfer seine dann doch einen Tick zu neu wirkende schwarze Lederjacke als Code echter Lebenserfahrung ausstellt, unterstreicht er den künstlerischen Rang des Politischen. It’s the performance, stupid! Hier bekennt sich jemand noch im Dummstellen zu dem allumfassenden egologischen Verwurstungszusammenhang, in dem jeder Wimpernschlag, jede gute Tat, jedes noch so persönlich wirkende Bekenntnis steht.

          Deshalb kann auch das 47-Minuten-Gespräch auf Youtube, geführt von Luisa Geesdorf in ihrer Funktion als Todenhöfers Pressesprecherin, ein Dokument der Glorifizierung in Reinkultur, als „mein persönlichstes Interview“ (Todenhöfer) durchgehen. Todenhöfer nimmt es persönlich, sein Leben als Installation zu führen, als Readymade der nackten Menschlichkeit. Auf die Schlussfrage – „Woran sollen sich die Menschen erinnern, wenn sie an Jürgen Todenhöfer denken?“ – gibt er nach langem, kunstvollem Schweigen bei Minute 45:46 zurück: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht!“ Rumms!

          Das Antwortverhalten ist so hinreißend verzögert dargeboten, dass man es in diesem Augenblick am liebsten für bare Münze nehmen würde. Was zählt, so versteht man, ist die Arbeit des Tages: erst einmal genügend Unterstützungsunterschriften zusammenkriegen, damit sich ein Erstklassiger überhaupt zur Wahl wird stellen können. Und nicht etwa das Undenkbare geschieht – dass Deutschlands Kanzlerkandidaturen in der dritten Klasse hängenbleiben.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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