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Merkels Geburtstagsrede : Der Laudator der Kanzlerin

Seine Geschichtsschreibung will auf keine Richtung hinaus: Jürgen Osterhammel Bild: dpa

Warum ist ausgerechnet der Historiker Jürgen Osterhammel auserkoren worden, zum sechzigsten Geburtstag der Kanzlerin zu sprechen? Und wer ist der Mann überhaupt?

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          Was immer eine Bundeskanzlerin tut, es muss eine Bedeutung haben. An diesem Donnerstag feiert die Bundeskanzlerin ihren sechzigsten Geburtstag, und die Rede auf dem Empfang im Konrad-Adenauer-Haus soll, auf ihren Wunsch hin, der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel halten. Steckt auch dahinter etwas? Zu Angela Merkels Fünfzigstem hatte der Neurologe Wolf Singer über „Das Gehirn: Ein Beispiel zur Selbstorganisation komplexer Systeme“ gesprochen, und man verstand Beobachter, die darin, neben einem Intelligenztest für das Publikum, auch den Versuch erkennen wollten, die begeisterten Zusagen des politischen Personals zur Party in Grenzen zu halten.

          Dieses Mal kann man schon aus Neugiergründen nur zuraten. Denn einem größeren politischen Publikum wird Jürgen Osterhammel zu Unrecht noch gar nicht bekannt sein. Besonders die Verflechtung Asiens mit dem Westen hat ihn seit seiner Dissertation von 1980 über britische Wirtschaftsinteressen auf dem chinesischen Markt beschäftigt. Seitdem gelten die Forschungen des heute Zweiundsechzigjährigen der Weltgeschichte.

          Die Geschichte und ihre Rückwirkungen

          Das macht es schwierig, Osterhammels Geschichtsbegriffe zur Verzierung nationalstaatlicher Entscheidungen zu verwenden. Als Autor neigt er auch nicht zu Zeitdiagnosen, Werte-Reden oder Epochenbildungen, in denen lebende Politiker oder die eigene Generation eine Rolle spielen. Ja, nicht einmal jene Minderheiten, die heute, angeregt durch elektronische Kommunikation oder Dienstreisen, „global“ denken, sind der bevorzugte Gegenstand und das wichtigste Belegstück seiner 2009 vorgelegten, 1500 glänzende Seiten langen Weltgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts „Die Verwandlung der Welt“.

          Vielmehr geht es Osterhammel darum, dass es niemanden mehr gibt, der nicht der Weltgeschichte ausgesetzt wäre. Dass also Begriffe wie „Weltwirtschaft“, „Weltliteratur“, „Weltreligion“, „Weltkrieg“ oder „Weltmeisterschaft“, aber auch „Imperialismus“ einen seit gut zweihundert Jahren sich vollziehenden gesellschaftlichen Wandel anzeigen. Bei Osterhammel ist es der Wandel hin zu einer einzigen Welt, die nicht regionale Gleichförmigkeit oder Konvergenz ausprägt, aber auf allen Gebieten zu hoher Interdependenz, wechselseitigem Vergleichen und Abweichungsverstärkungen führt.

          Also ist Weltgeschichte für Osterhammel kein Aggregat der bekannten Nationalgeschichten, erweitert um die Geschichte der Entwicklungsländer. Gerade Europa hat sich in der Welt verwirklicht: durch Handel, was Export und Import einschließt, Kolonienbildung, Krieg, wissenschaftliche Kommunikation und die Diffusion von Kultur. Wie töricht müsste also sein, wer annähme, man könnte seine Geschichte ohne Sinn für die entsprechenden Rückwirkungen schreiben? Und wie verstockt, wer der Einsicht auswiche, dass unsere Landkarten, Chronologien, Vokabulare andernorts gar nicht gelten?

          Der Tatsache der einen Gesellschaft nicht auszuweichen, ohne zu wissen, in welche Richtung sie sich bewegt - das ist Osterhammels implizite Aufforderung in seinem Opus magnum: Universalgeschichte ohne Geschichtsphilosophie. Man könnte salopp auch sagen: ohne politische oder moralisierende Sprüche. Die Geschichte, die Osterhammel erforscht, zeigt eine unglaubliche Dynamik, will aber, weil die Erde rund und der Westen der einen der Osten der anderen ist, auf keine Richtung hinaus. Seine Geschichtsschreibung kennt darum nur ein Wie, kein Wozu. Das ist selten in seiner Zunft, und das allein könnte genügt haben, um das Interesse der Bundeskanzlerin zu wecken.

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