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Überhitzungsmaschine Internet : So scheint es zu sein

Muster: Nachtaufnahme von der stufenförmigen Beleuchtung der Universitätsbibliothek der FU Berlin Bild: euroluftbild.de/Robert Grahn

Der Soziologe Armin Nassehi entdeckt in seinem Buch „Muster“ die Gesellschaft anhand der Digitalisierung neu. Müssen wir das Internet mit anderen Augen sehen?

          Die Funktion der Technik ist es, zu funktionieren. Wenn sie es nicht tut, haben Zündhölzer, Korkenzieher und Fernbedienungen einfach keinen Sinn. Zwar gibt es Technik, mit der man auch angeben kann, designte Korkenzieher beispielsweise. Aber solange sie den Korken nicht ziehen, bleibt das Vergnügen an ihrem Ausstellungswert begrenzt. Ein Bugatti, der nicht anspringt, ist nur noch ein Auto, aber kein Mobil mehr.

          Der Münchner Soziologe Armin Nassehi legt eine Soziologie der Digitaltechnik vor, die sie von Korkenziehern und Automobilen stark abhebt. Anders als klassische Geräte haben für ihn die digitalen Techniken einen Sinnüberschuss. Korkenzieher öffnen Flaschen, Automobile bringen von hier nach dort. Digitale Korkenzieher – sofern es sie schon gibt – und mit Digitaltechnik vollgestopfte Autos hingegen vernetzen, während sie funktionieren, mit vielen anderen Möglichkeiten jenseits ihres primären Zwecks. Sie melden dem Kühlschrank oder dem digitalen Einkaufszettel, dass gerade Weißwein abfließt, halten Trinkgewohnheiten fest, warnen mittels einer Gesundheits-App, sie suchen Parkplätze, zeigen Restaurants an, informieren den Hersteller über die Fahrwege.

          Jedes Handeln hat einen solchen Sinnüberschuss. Er ist nur, in soziologischer Sprache, latent. Heißt: nicht sofort zu sehen. Wir gehen über die Straße und verbrauchen dabei Kalorien, legen Strecken zurück, die sich über den Tag hinweg zu irgendeiner Kilometerzahl aufaddieren, sind auf bestimmten Straßen öfter als auf anderen unterwegs, bewegen uns in Gegenden, in denen es nachts unsicher oder lustig ist, überqueren unterschiedlich riskante Kreuzungen.

          Was immer wir tun, heißt das, hat Aspekte, die über den subjektiv gemeinten Sinn des Handelns hinausgehen. Dass sie uns nicht bewusst sind, heißt nicht, dass wir oder der Einzelhandel, die Stadtplanung und die Geheimdienste ihnen keinen Sinn zuordnen können: Verkaufssinn, Planungssinn, Sicherheitssinn, Orientierungssinn und so weiter. Ganze Industrien sind hinter uns und unseren Datenspuren her, um uns Taxifahrten, eine höhere Lebenserwartung, Parkplätze, Leonardo DiCaprio oder Weißwein zu verkaufen. Die Polizei findet manches davon auch interessant, die Wissenschaft sowieso und die Krankenkassen.

          Löst sich alles in Unübersichtlichkeit auf?

          Digitale Technologien haben es möglich gemacht, all diese wie nebenbei anfallenden Informationen und ihre etwaigen Sinnüberschüsse zu erfassen. Sie nehmen mehr auf, als wir jemals könnten. Insofern passt für Nassehi die Digitalisierung zur modernen Gesellschaft, weil sich deren Regelmäßigkeiten nur noch mittels solcher datenaufzeichnenden Maschinen ermitteln lassen. Denn modern an dieser Gesellschaft ist, dass es in ihr nur noch sehr wenige eindeutige Ordnungsmuster gibt, sondern vor allem eine Vielzahl von heterogenen Perspektiven und widersprüchlichen Orientierungen. Und eine Unmenge an Informationen, denen nicht auf den ersten analogen Blick anzusehen ist, was man mit ihnen anfangen soll.

          Früh schon war beispielsweise die Sozialstatistik auf den Umstand gestoßen, dass individuelles Verhalten kollektive Regelmäßigkeiten ausprägt. Selbstmörder bringen sich aus sehr individuellen, sehr lokalen Gründen um, aber dann wurde festgestellt, dass es Protestanten auffällig häufiger taten als Katholiken. Die Leute heiraten, weil sie sich zuvor verliebt haben, und sie haben sich unter dem Motto „All you need is love“ verliebt, aber die Sozialstatistik erweist, dass auch gleiche Bildungsabschlüsse, regionale Herkunft und Konfession eine Rolle spielen.

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