https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/juergen-habermas-zum-tod-von-agnes-heller-16295823.html

Zum Tod von Agnes Heller : Abschied von einer Philosophin

  • -Aktualisiert am

Agnes Heller, 1929 bis 2019 Bild: Oliver Abraham

Vom Fallibilismus der Wissenschaften, nach dem es keine unfehlbare Erkenntnisinstanz gibt, war sie unangekränkelt: Zum Tod der leidenschaftlichen und lebensklugen Agnes Heller.

          3 Min.

          Als ich ihr dieses Jahr mit schlechtem Gewissen, weil viel zu spät, zu ihrem neunzigsten Geburtstag gratulierte, schrieb Agnes Heller ohne eine Spur von Kränkung zurück: „Glückwünsche kommen nie zu spät“. Aber Todesnachrichten kommen immer zu früh. Agnes Heller war bis zuletzt eine Person von sprühender Lebendigkeit. Die Sprungfeder ihres Geistes konnte einfach nicht ermüden. Rückblickend meint man, es schon immer gewusst zu haben: Zu dieser Person passt nur ein plötzlicher Tod. Und nun die Nachricht, dass sie vergangenen Freitag während ihres Urlaubs auf den Plattensee hinausschwamm – und nicht zurückkehrte. Agnes Heller selbst hätte nicht dazu geneigt, eine solche Nachricht romantisch zu verklären; aber ich kann mir gut vorstellen, wenn mir dieser tröstliche Gedanken erlaubt ist, dass sie sich ein kontingentes Zuschlagen des Todes gewünscht hat.

          Agnes Heller war eine Philosophin der alten Schule. Als ich sie Mitte der sechziger Jahre bei Iring Fetscher in Frankfurt kennenlernte und ihr bei den jährlichen Treffen der Praxis-Philosophen auf der Insel Corcula wiederbegegnete, erschien sie uns, bei aller Verwandtschaft in der kritischen Orientierung ihrer Gedanken, als die junge, bestechende Verkörperung eines philosophischen Profils, das wir aus der Generation unsrer Lehrer kannten. Aus unserer Perspektive hatte sich unter den interessanteren Kollegen des „Ostblocks“, wie man damals sagte, ein Erbe des deutschen Idealismus erhalten – eine vom Fallibilismus der Wissenschaften noch unberührte Selbstgewissheit, die wir aus der zeitgenössischen Philosophie der westlichen Länder nicht mehr kannten.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Satellitenbilder zeigen die Zerstörung nach einem Angriff auf den russischen Militärstützpunkt Saki auf der Krim

          Nach Explosionen auf der Krim : Moskaus Angst vor den Ukrainern

          Die russischen Flugzeuge könnten nach dem Angriff auf der Krim zurückgezogen werden. Kiew äußert sich zurückhaltend. Ist das ein Mittel der Kriegspsychologie?
          Langfristig kein gutes Geschäft: Gas aus einer russischen Gazprom-Pipeline

          Abhängigkeit von Putin : Der Mythos vom billigen russischen Gas

          Deutschland hat trotz der Pipeline-Importe in der Vergangenheit mehr für Erdgas bezahlt als viele andere Länder, zeigt eine neue Berechnung. Eine Rechtfertigung für die Abhängigkeit von Putin scheint damit zerstört.