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Jürgen Habermas : Die Vernunft in der Gesellschaft

Hat seinen Lesern immer kosmopolitische Perspektiven abverlangt: Jürgen Habermas in seinem Haus in Starnberg. Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Vom vernünftigen Gemeinwohl und gegen die Unfähigkeit zu lernen: Dem Philosophen Jürgen Habermas zum neunzigsten Geburtstag.

          5 Min.

          Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden? Die Frage wirkt angesichts des Weltzustandes wie aus einer anderen Zeit gestellt. Eine ganze Gesellschaft soll vernünftig werden können? Und sie soll darin sogar ihre Identität, ihren „Geist“ (G.W.F. Hegel) finden? Soll sich von unvernünftigen Gesellschaften unterscheiden? Was aber wäre der Träger solcher Vernunft, wenn die Gesellschaft nur noch im Singular existiert, weil Welthandel und Weltreligionen, von weltweiten Netzwerken getragene Wissenschaft und weltweit die Politik engagierende Krisen es gar nicht mehr erlauben, Gesellschaftsgrenzen geographisch zu ziehen?

          Tatsächlich ist es gut fünfundvierzig Jahre her, dass der Philosoph Jürgen Habermas, der heute neunzig wird, jene Frage in der Mitte seines Lebens aufwarf. Wollte man sein Denken und sein Werk in einem einzigen Text konzentriert sehen, so eignet sich dieser, 1976 in einem Band über „Legimationsprobleme im Spätkapitalismus“ abgedruckte, besonders. Denn dieses Denken hält seit den frühen fünfziger Jahren an der aufklärerischen Vorstellung fest, der Begriff der Menschheit impliziere Vernunft. Eine gemeinsame kollektive Identität also gehe, sofern die Bewohner der Erde objektiv Weltbürger sind, weil noch das entfernteste Dorf von Vorgängen abhängt, die außerhalb seiner Zäune stattfinden, nicht länger aus vorgegebenen religiösen oder kulturellen Traditionen hervor.

          Pflicht der Deutschen zum kosmopolitischen Denken

          Vielmehr, so Habermas, beteiligen sich die Individuen selbst am Entwurf ihrer kollektiven Identität. Etwa indem sie ihren Staaten Verfassungen und sich selbst Rechte geben, indem sie vermittels Demokratie entscheiden, wie sie sein wollen, und vermittels Opposition und Öffentlichkeit alle Festlegungen ihrer kollektiven Identität unter einen zeitlichen Vorbehalt stellen. Das alles freilich findet man nur und bestenfalls auf der Ebene von Staaten. Die wiederum arbeiten sich an überstaatlichen Kräften ab, beispielsweise am Weltmarkt für Güter, Vermögensanlagen und Devisen. Und sie sehen sich überregionalen Problemen wie dem Klimawandel oder der Migration gegenüber.

          Wo also findet unter diesen Umständen die Vernunft ihren Sitz im kollektiven Leben? Worin kann eine staatenübergreifende Gesellschaft ihre Identität finden? Zeit seines intellektuellen Lebens war es Jürgen Habermas darum zu tun, dem eigenen Gemeinwesen kosmopolitische Perspektiven abzuverlangen. Sein Engagement in so gut wie jeder publizistischen Debatte der Bundesrepublik – vom Streit über die atomare Wiederbewaffnung über den „DM-Nationalismus“, den er in der Wiedervereinigung wirksam sah, bis zur Fiskalkrise Griechenlands – folgte dem Imperativ, die Deutschen hätten nachgerade eine historische Pflicht zu kosmopolitischem Denken. Eine Pflicht zur Reserve gegenüber dem Nationalstaat, eine Pflicht zu Europa, eine Pflicht zur Selbstaufklärung.

          Dieser Imperativ war nicht zuletzt das Resultat biographischer Erfahrung: Wer heute neunzig wird, war fünfzehn, als der Krieg noch tobte. Mit achtzehn erlebte Habermas die Verwirklichung des Marshall-Plans und die Gründung Israels, mit zwanzig diejenige der Bundesrepublik. Als er zum ersten Mal wählen durfte, war er vierundzwanzig, und es gab schon, was sie das Wirtschaftswunder nannten. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der NS-Vergangenheit und den diskutierbaren Eindruck, dass es nach 1945 in Deutschland keinen Mentalitätswandel gegeben habe, hat er als Grundthemen seines erwachsenen politischen Lebens bezeichnet. Die Unfähigkeit nicht nur zur Trauer, sondern die Unfähigkeit zu lernen, war in Gestalt des für ihn zunächst maßgeblichen Philosophen, Martin Heidegger, kaum zufällig der Anlass jener Rezension in dieser Zeitung, die ihn schon als Studenten bekannt machte.

          Mündliche Belege für Lebendigkeit und Vernunft

          Die Grundlage einer vernünftigen Identität der Weltgesellschaft fand Habermas entsprechend „im Bewusstsein der allgemeinen und gleichen Chancen der Teilnahme an wert- und normbildenden Lernprozessen“. Mit anderen Worten: Nur in der weltweiten Durchsetzung von Demokratie, Öffentlichkeit und Bildung könnte jene Identität sich herausbilden. Hier konnte man schon 1974 heraushören, worauf sein Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981 hinauslaufen sollte. Auf den Nachweis nämlich, dass allein schon im argumentativen Gebrauch der Sprache in jenen Lernprozessen universalistische Perspektiven im Spiel sind.

          Wer argumentiert, nimmt danach nicht nur Tatsachen und ein Mindestmaß an Logik in Anspruch, sondern stellt sich auch unter den Anspruch, seine Gründe zu verallgemeinern. „Kommt, reden wir zusammen“, heißt es in einem Vers von Gottfried Benn, „wer redet, ist nicht tot.“ Habermas geht noch weiter. Denn für ihn ist die öffentliche Unterredung, sind Diskussionen über praktische Probleme alltäglichen Zusammenlebens, sofern sie nur richtig geführt werden, Belege nicht nur für Lebendigkeit, sondern von Vernunft. Jede Behauptung unterstelle nämlich, so seine sprachphilosophische Position, dass kompetente, vernünftige Beurteiler der Sache, über die etwas behauptet wird, der Behauptung zustimmen würden. Behauptungen sind mithin nur ernst zu nehmen, wenn sie sich der Überprüfung durch andere öffnen. Sofern die Teilnehmer eines solchen Gesprächs also kompetent sind, ist ihr Konsens ein Wahrheitskriterium.

          Für ihn zählen nur gute Gründe: Jürgen Habermas 1981 in seinem Haus in Starnberg.

          Komplexe Gesellschaften könnten, so gesehen, eine vernünftige Identität umso mehr ausbilden, als sie Chancengleichheit aller Individuen für die Teilnahme an politischen Diskussionen verwirklichen. Die Gefahr, dass dabei Vernünftigkeit oder „Kompetenz“ leicht zu einer moralisierten Eintrittsbedingung und Abbruchformel für solche Diskussionen werden, hat Habermas allerdings so wenig beleuchtet wie die medialen Voraussetzungen weltweiter Debatten über Normen. Auf Instagram werden Fotografien und nicht Begründungen ausgetauscht, auf Twitter Informationen und Reflexe mehr als Argumente, und schon das Fernsehen wäre als Instanz eines aufgeklärten Selbstgesprächs der Gesellschaft wohl missverstanden. Sein Augenmerk hat Habermas stattdessen auf andere Hindernisse vernünftigen Diskutierens gelegt. Für ihn setzt dieses voraus, dass Kommunikation nicht von strategischen Motiven ihrer Teilnehmer überformt ist. Es gilt also beispielsweise mehr für den Presseclub als für das Parlament und mehr für das universitäre Seminar als für den Presseclub.

          Wahrheitsliebe und Müdigkeit

          Die „ideale Sprechsituation“ ist für ihn frei von Macht-, Konkurrenz- oder Tauschbeziehungen und darum auch frei von Rhetorik. In ihr zählen nur gute Gründe. Alle von der Entscheidung, um die es geht, Betroffenen sind zur Diskussion eingeladen. (Niklas Luhmann erlaubte sich die Rückfrage: Auch die noch nicht Geborenen?) Die Beteiligten sind in der idealen Sprechsituation außerdem weder erschöpft noch auf dem Sprung zu etwas anderem noch affektiv durch anderes als Wahrheitsliebe verbunden: „Nur dann herrscht der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments.“

          Es sind Dutzende von Einwänden gegen diese Theorie – oder soll man sagen: diese Utopie? – gemacht worden. Ein neunzigster Geburtstag ist kein Anlass, sie zu wiederholen. Vielmehr gilt geradezu in Umkehr einer Intuition von Habermas: Nicht der Konsens, sondern der Dissens beweist unter Umständen die Vernünftigkeit einer Diskussion, begrenzt allerdings auch ihre Möglichkeit, zu politischen Entscheidungen zu führen.

          Jürgen Habermas hat nicht zuletzt mit der kontraintuitiven wie kontrafaktischen Behauptung, ein vernünftiges Gemeinwesen sei möglich, seit mehr als sechzig Jahren die Öffentlichkeit belebt. Empirisch gibt es manche Dinge nicht, für die wir aber Begriffe haben. Immanuel Kant zufolge haben sie „einen vortrefflichen und unentbehrlich notwendigen regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten“. Auch wenn es also mit der Vernunft, dem Konsens als Wahrheitskriterium und der Identität nicht so weit her sein mag, ist das kein Grund, Jürgen Habermas nicht dankbar zu sein für ein Werk, das uns insistent Gründe dafür abverlangt, weshalb wir es anders sehen.

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