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Jüdisches Museum : Direktor tritt nach heftiger Kritik zurück

  • Aktualisiert am

Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, vor dem Daniel Libeskind Bau des Museums in Berlin. Bild: dpa

Das Jüdische Museum Berlin war zuletzt öfter in den Schlagzeilen. Aus Israel kam Kritik an einer Ausstellung, vom Zentralrat der Juden wegen eines umstrittenen Tweets. Nun ist der Direktor zurückgetreten.

          Der in die Kritik geratene Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Peter Schäfer, ist von seinem Amt zurückgetreten. Er wolle damit „weiteren Schaden vom Jüdischen Museum Berlin“ abwenden, teilte das Museum mit. Die Vorsitzende des Stiftungsrats, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, habe das Rücktrittsgesuch angenommen. Sie werde für den 20. Juni den Stiftungsrat des Museums zu einer Sondersitzung einberufen. Die operative Leitung der Stiftung übernehme ab sofort deren Geschäftsführender Direktor Martin Michaelis.

          Schäfer war unter anderem vom Zentralrat der Juden in Deutschland kritisiert worden. Am Dienstag hatte Zentralrats-Präsident Josef Schuster via Twitter Schäfer indirekt vorgeworfen, seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein. „Das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft hat die Leitung des Hauses verspielt“, heißt es in dem Tweet Schusters.

          Kein Verständnis beim Zentralrat der Juden

          Hintergrund war ein Tweet des Museums in der vergangenen Woche. Darin wurde auf einen Artikel der „tageszeitung“ über eine Erklärung von 240 israelischen und jüdischen Wissenschaftlern verwiesen, die gegen den Anti-BDS-Beschluss des Bundestages Stellung bezogen hatten. Die israelfeindliche Boykottbewegung BDS fordert den Boykott Israels wegen der Besatzungspolitik.

          „Ich habe kein Verständnis, dass eine Institution, die sich jüdisch nennt, Kritik an dem Bundestagsbeschluss retweetet“, sagte Schuster der „tageszeitung“. „Das Museum ist keine politische Institution. Es sollte zu aktuellen politischen Fragen keine Stellung beziehen.“

          Schäfer hatte dagegen am Donnerstag auf die Kritik am Museum betont, es sei Aufgabe des Hauses, ein Forum für Diskussionen auch über strittige Fragen anzubieten. Schäfer bedauerte den Tweet, verwies aber zugleich darauf, dass es sich dabei lediglich um eine Leseempfehlung in einer notwendigen Debatte gehandelt habe.

          Schuster sagte der „tageszeitung“, er fände es „nicht schlecht, wenn es künftig eine jüdische Leitung im Jüdischen Museum Berlin gibt“. Dies sei „nicht zwingend“. Aber das Jüdische müsse im Haus „mehr Einfluss haben“, so Schuster.

          Museum wiederholt in der Kritik

          Der Zentralrat der Juden in Deutschland teilte auf Twitter mit, er begrüße die Entscheidung Schäfers. „Es ist ein wichtiger Schritt, um weiteren Schaden von der Institution abzuwenden.“

          Das Museum war bereits in der Vergangenheit wiederholt in der Kritik unter anderem der Jüdischen Gemeinde Berlin und der israelischen Regierung. Ihrer Ansicht nach wird die jüdische Perspektive in dem Haus nur unzureichend repräsentiert. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gefordert, eine Ausstellung zu schließen. Die Sonderschau „Welcome to Jerusalem“, die bis Ende April zu sehen war, präsentiere eine einseitige, „palästinensisch-muslimische Sicht“ auf die Stadt. Schäfer und Grütters hatten die Vorwürfe als politische Einmischung deutlich zurückgewiesen.

          Das Jüdische Museum Berlin ist eines der größten jüdischen Museen Europas. Pro Jahr kommen rund 650 000 Besucher. Die erste Ausstellung zur deutsch-jüdischen Geschichte hatten seit der Eröffnung 2001 rund 11,4 Millionen Menschen gesehen.

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