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Judith Herzbergs Schoa-Trilogie : Die unsichtbare Bürde

  • -Aktualisiert am

Barbara Horvath in Judith Herzbergs Trilogie „Die Träume der Abwesenden“ am Residenztheater in München Bild: Sandra Then

Eine bitter alarmierende Mahnung: Stephan Kimmig inszeniert Judith Herzbergs Schoa-Trilogie „Die Träume der Abwesenden“ am Residenztheater in München.

          3 Min.

          Die Schoa überleben – was bedeutet das? Wie das eigene Überleben leben, wenn Freunde, Eltern, Partner, Kinder tot sind? Heißt überleben übergehen, die Geliebten vergessen? Und was bedeutet Liebe unter den Überlebenden?

          Judith Herzberg, geboren 1934, und ihre beiden Geschwister wurden getrennt in nichtjüdischen Familien auf dem Land versteckt. Ihre Eltern wurden 1943 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, der Zug, der sie im April 1945 nach Theresienstadt bringen sollte, wurde von der Roten Armee gestoppt. So haben die Amsterdamer Schriftstellerin, die nur durch ihre umfangreiche, preisgekrönte dichterische Arbeit sprechen will, und ihre Familie den Holocaust überlebt. Zum jubelnden Schlussapplaus im Münchner Residenztheater wurde die Sechsundachtzigjährige von Stephan Kimmig geführt, dem Regisseur, der das Herzstück ihres dramatischen Werks bereits zum dritten Mal schlagen lässt.

          „Leas Hochzeit“ (1982), „Heftgarn“ (1996) und „Simon“ (2002) heißen die Teile einer Trilogie, die sich um drei Generationen einer jüdisch-holländischen Großfamilie rankt, perspektivisch weit und bizarr verzweigt, über 26 Jahre hinweg erzählt, von 1972 bis 1998. Die Ältesten sind um 1918 geboren und haben den Krieg erlebt. Sie sind das Gedächtnis, sie trauern um die Ermordeten und funktionalisieren ihre Kinder und Kindeskinder, geboren oder ungeboren, als kollektives Gedenken, Gewissen und Überlebenszeichen, während sie selbst Abschied nehmen.

          Liliane Amuat und Thomas Lettow in „Die Träume der Abwesenden“
          Liliane Amuat und Thomas Lettow in „Die Träume der Abwesenden“ : Bild: Sandra Then

          Im mittleren Alter stehen die Kinder der Überlebenden wie der Ermordeten, die Geretteten, ringend mit sich selbst, ihren Wünschen, Erwartungen, Enttäuschungen und den Erinnerungen ihrer Eltern. Die jüngsten Nachkommen schließlich wehren sich lautstark zugleich gegen das Wegschauen und Verschweigen als unsichtbare Bürde und die absurde Last einer Dankbarkeit für das eigene Leben als Trauer um das fremde. Die Sehnsucht nach Liebe indes eint alle Generationen.

          „Meine Erinnerungen drehen sich um die Zukunft“

          „Über Leben“ nannten Herzberg und Kimmig die erstmalige Berliner Inszenierung als Triptychon im Frühjahr 2011. Zehn Jahre zuvor hatte Kimmig die beiden ersten Teile in Stuttgart auf die Bühne gebracht. Jetzt in München heißt die Amsterdamer Familiengeschichte „Die Träume der Abwesenden“. Und Katja Haß hängt im dritten Teil einen riesigen, von Dutzenden metallener Kugellampen warm illuminierten Traumfänger ins Zentrum der bis zur schwarzen Brandmauer hin illusionslos nackten Bühne.

          Doch werden hier Träume oder Traumata verhandelt? Beides liegt in den über hundert kurzen Szenen, die tieftraurige menschliche Komödien im Spiel mit der Zeit widerspiegeln und dennoch an Humor, Lakonie, Ironie, ja auch an Kritik an aller Ich-Bezogenheit nicht sparen, untrennbar nah beieinander. Die Träume der Abwesenden sind die Traumata der Anwesenden. Die Kostüme von Anja Rabes verstärken die Nostalgie der Atmosphäre.

          Dreißig Füße tanzen sich frei

          „Wir sitzen hier anstelle von anderen“, sagt Ada sanft. „Meine Erinnerungen drehen sich um die Zukunft.“ Die Erlebnisse im Konzentrationslager haben ihr den Verstand für eine Gegenwart geraubt. „Ich bin ja auch geboren! Das hat doch nichts zu tun mit dem andren“, stellt die einfache Duifje hilflos fest, verletzt durch Zwart, der statt ihrer seine erste Ehefrau glorifiziert. „Dass ihr nicht den ganzen Tag rumlauft und schreit!“, spuckt er der angeheirateten Familie seines Sohnes Nico entgegen. Wie antisemitisch wohl jemand sei, „der ein ganzes Stück nur mit Juden schreibt“, fragt sich die resolute Riet, die nichtjüdische Kriegsmutter von Lea, die das geliebte siebenjährige Mädchen nach drei Jahren wieder seinen leiblichen Eltern zurückgeben musste. Lea, die ihrerseits keine Kinder als trauriges Denkmal der Geschichte in die Nachwelt setzen möchte, wird am Ende ihren Halbbruder Isaac aufziehen, den ihr Vater mit der ersten Frau ihres dritten Ehemannes Nico gezeugt hat. „Ich hoffe, dass er ein bisschen so wird wie mein Vater“, seufzt Dory. Nach ihm, an den sie sich nicht erinnert, hat sie ihren Sohn benannt.

          Zart und kraftvoll – im eindringlichen Ensemblespiel – tragen alle fünfzehn Figuren beide Seiten in sich. Mutig beginnt der fünfstündige Theaterabend mit einem Vorgriff auf den Schluss, präsentiert im eskalierenden Familienstreit alle Charaktere in ihren verstrickten Beziehungen. Stellt Müdigkeit gegen Lebendigkeit, franst aus und schießt Pointen ins Leere, vermeidet zunächst auch jenes Pathos der großen symbolischen Effekte, das gegen Ende hin doch Überhand gewinnen wird. Dass der Schauspieler des „Bastards“ Isaac, Max Rothbart, die Fäden des Spiels als Dirigent über Licht und Klang, ständig präsent, sanft und subtil, live in der Hand hält, zuweilen kritisch kommentiert, umfängt die Geschichte, das Spiel, den Zuschauerraum. Er ist es auch, der die Musik aufdreht: „Stayin’ Alive“ – dreißig Füße tanzen sich frei.

          Der Schlussapplaus feiert zudem die Uraufführung des kurzen Monologs „Die Linkshändigen“. Zu Anfang des dritten Teils tritt vor den Eisernen Vorhang Christoph Franken als bayerischer Ministerialbeamter, der in einer neuen Form absurder Diskriminierung Geschichte aktualisiert: Er trennt die Minderheit der Links- von der Mehrheit der Rechtshänder – eine bitter alarmierende Mahnung der Autorin, nicht nur am Abend der Bundestagswahl.

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