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Judith Hermann im Gespräch : Mein Sohn findet meine Ängste völlig übertrieben

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Schreibt in einem abgeschlossenen Raum, gedanklich von ihren Lesern isoliert: Judith Hermann Bild: Ulf Andersen/Getty Images

Seit ihrem Debüt, dem 1998 erschienenen Erzählband „Sommerhaus, später“, ist Judith Hermann ein Star der deutschen Literatur. Nun erscheint ihr erster Roman: „Aller Liebe Anfang“. Es geht darin um die Bedrohung einer Familie durch einen fremden Mann.

          „Aller Liebe Anfang“ ist ein sehr heftiges Buch, die Lektüre nimmt einen mit. Wie war das Schreiben?

          Auch heftig. Aber ich wusste nicht, ob ich das vermitteln kann, ich hatte die Vorstellung von einem Schrecken, aber es war ja zunächst nur ein Schrecken aus Papier. Kann ich diesen Schrecken wirklich evozieren, kann ich ihn an einen Leser weitergeben? Und dabei ist es für mich beim Schreiben so wichtig, überhaupt nicht an den Leser zu denken, mit den Figuren in einem geschlossenen Raum zu bleiben, isoliert, von der Außenwelt abgeschnitten, ungestört.

          War es in diesem Fall ein anderer Prozess als bei Ihren vorherigen Büchern?

          Das Schreiben ist mir schwergefallen, viel schwerer als bei „Alice“. Aber ich glaube, ich habe so etwas nach dem Schreiben von „Alice“ auch gesagt. Man vergisst, dass es schwer gewesen ist, man muss es vermutlich vergessen, sonst würde man niemals ein neues Buch anfangen.

          Mir scheint, die Vergänglichkeit des Glücks ist ein zentrales Motiv Ihres Buches, das plötzlich ankommende Unglück.

          Das ist ein ganz zentrales Motiv – dass die Dinge sich von einem auf den anderen Moment ändern können. Schlagartig ändern können. Die Erfahrung, dass sich die bestehende, die scheinbar sichere, alltägliche und gewohnte Welt wie Papier zerschneiden lässt, in einem einzigen und manchmal vollständig banalen Moment. Es klingelt an der Tür, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Das Gefühl, dass die Dinge so absolut unwägbar sind, beschäftigt mich, und manchmal belastet es mich sicher auch.

          Eigentlich ist doch kein Grund für solche düsteren Vorahnungen, die Kriminalität ist niedrig, dem Land geht es gut, wir sind Weltmeister.

          Mein Sohn ist jetzt vierzehn Jahre alt, wir reden oft über Ängste, verstehen Sie – die Ängste einer Mutter, die lebensfreudige Überzeugung eines Vierzehnjährigen. Mein Sohn findet alle meine Ängste völlig übertrieben. Ich versuche, ihm keine Angst einzujagen, aber trotzdem zu formulieren, dass alles möglich ist. Es ist alles möglich. Jederzeit, von einem Moment auf den anderen. Aber er sagt dann, zuversichtlich, selbstbewusst, mit der Sicherheit seines Alters beschenkt: All das wird nicht eintreffen. All das, was du befürchtest, wird nicht geschehen. Liegt die Wahrheit in der Mitte?

          Die Statistiken sprechen eher für Ihren Sohn, wir leben in einem friedlichen Land.

          Ich würde sehr gern eine Mitte finden zwischen seiner Vorstellung einer Unverletzlichkeit und meinen Befürchtungen. Furcht hat vielleicht auch etwas mit Phantasie zu tun. Mit Vorstellungskraft, mit Bereitschaft. Mein Sohn würde jetzt sagen: Unverletzlichkeit ebenso.

          „Aller Liebe Anfang“ ist Ihr erster Roman. Haben Sie einen Stoff für diese Form gesucht, oder verlangte die Geschichte nach dieser Form?

          Die Geschichte hat die Form entschieden. Ich habe einige Zeit lang versucht, Stellas Geschichte in eine Erzählung zu fassen, aber ich brauchte von fünf Seiten schon vier für diese Szene der Eskalation, die jetzt am Ende des Buchs zwei Seiten bekommen hat. Diese Szene war mir sehr wichtig, in der Erzählung war der Vorlauf viel zu kurz, ich konnte sie gar nicht angemessen begründen. Ich hatte viel zu viel zu erzählen. Und möglicherweise wollte ich auch endlich diese eine Frage beantworten können. Möglicherweise dachte ich: Wann, wenn nicht jetzt.

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