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Judith Hermann im Gespräch : Mein Sohn findet meine Ängste völlig übertrieben

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Die Polizei kommt sehr spät ins Spiel.

Ja, Stella lässt es, das ist ihr Charakter, sehr weit kommen. Vielleicht glaubt sie, es würde ihr etwas entgehen? Oder sie versucht, gemäß dem Rat von Esther, die Zäsur zu dehnen, um sie besser zu verstehen. Und vielleicht möchte sie sich auch längere Zeit nicht eingestehen, dass das Interesse an ihr von pathologischer Natur ist – dass es gar nicht um sie geht, dass sie für Mister Pfister letztlich gar nicht existiert. Für ihn existiert nur seine Projektion von Stella. Seine Vorstellung von ihr, sein eigennütziges, fixes Bild von ihrer Person.

Sie beschreiben den Ausbruch der Gewalt als einen „goldenen Moment“. Sehr korrekt ist das nicht, schließlich bringen wir unseren Kindern bei, Konflikte mit Worten zu lösen.

Ja, wir schwören auf die Kraft der Kommunikation, oder? Wir beschwören das. Aber für Stella und Jason und Mister Pfister ist das Sprechen ohnehin nicht wirklich eine Möglichkeit und irgendwann dann gar keine mehr. Es folgt ein, ja: feierlicher Augenblick, den man ganz verschieden interpretieren kann. Mir hat das beim Schreiben erstaunlich viel Freude gemacht – wobei es sich ja nun nicht um eine seitenlange Gewaltorgie handelt.

Aber sie sitzt.

Ja, dem ist dann nicht mehr viel hinzuzufügen.

Alle werden sich fragen, ob das Buch auf einer persönlichen Erfahrung basiert, schließlich gibt es viele, die sind wie dieser Mister Pfister.

Natürlich gibt es für jede Geschichte immer ein autobiographisches Moment – und es ist genau das Moment, das man für sich behalten muss. Schreiben bedeutet immer, das Eigene im Text zu verstecken und letztlich vielleicht auszulöschen. Welcher Moment für mich in „Aller Liebe Anfang“ der persönlichste gewesen ist, können Sie sich aussuchen. Sollen Sie sich aussuchen, ich würde mich darüber freuen.

Sie haben in diesem Roman einen ganz eigenen Stil verwendet, der sehr literarisch und doch wie mündlich erzählt wirkt. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ich habe die Geschichte einmal von Anfang bis Ende aufgeschrieben. Und dann habe ich sie noch einmal abgeschrieben, und beim Abschreiben habe ich noch einmal umformuliert, geordnet, auch gekürzt, und dann habe ich sie ein drittes und letztes Mal abgeschrieben. Ich habe gestrichen. Ich habe es so gemacht, wie bei den Erzählungen: mir den Text immer wieder laut vorgelesen, bis der Klang stimmte, meine Vorstellung von Rhythmus. Das hat ziemlich lange gedauert, am Anfang hatte ich gar keine Zeit, mich für das energetische Gespinst der Sprache zu interessieren, ich war auch viel zu aufgeregt, unruhig, zu nervös. Ich hatte von Anfang an eine sehr genaue Vorstellung der Figuren, ich sah sie in diesem Haus sitzen, aber ich kam lange nicht rein, ich habe lange nicht den richtigen, den einzig möglichen Schlüssel gefunden.

Der Leser bewegt sich auf den ersten Seiten im Haus wie ein Eindringling, wird selbst zu einem Mister Pfister.

Diese Person, die da wie mit einer Kamera durch das Haus geht, ist, im besten Fall, der Leser selbst. In der Struktur des Buches ist es der Fremde, Mister Pfister. Und ganz am Ende kann man auch denken, dass es diesen Fremden vielleicht gar nicht gibt, niemals wirklich gegeben hat, dass der Fremde Stellas Wahn ist, ihre Projektion, ihre Wunschvorstellung von jemandem, der kommen und den Zaun einreißen, das ganze Leben ändern könnte.

Am Ende steht der Satz „Veränderung ist kein Verrat.“ Ein einigermaßen offener bis optimistischer Schluss für einen Roman, bei dem der Leser schon etwas mitmacht.

Ich war mehrmals kurz davor, die Flinte ins Korn zu werfen. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich dann bis ans Ende meiner Tage über diese Figuren nachdenken, dass ich sie nicht loswerden würde. Entscheidungen fallen mir zunehmend schwerer – es fällt mir schwer, das Abnehmen der Möglichkeiten zu akzeptieren, einzusehen, dass ich mit diesem Roman als meinem vierten Buch auch den drei vorherigen eine ganz bestimmte Richtung geben werde. Dass ich, wenn ich diesen einen Satz schreibe, nicht mehr jenen oder einen anderen schreiben kann. Ist das eine Alterserscheinung? Aber Sätze wie „Veränderung ist kein Verrat“ sind offen genug, finde ich. Man kann sie drehen und wenden, und vielleicht ist es das, was Ihnen optimistisch erscheint.

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